Bootstaufe

Eine Story von Johannes B.
14.08.2023

In dieser Story

Im Herbst 2018 habe ich meiner Frau eine meiner Nieren gespendet. In den ersten Monaten nach der OP war ich sehr schwach, vergesslich, reizbar und angeschlagen, so dass ich mich immer mehr zurückgezogen habe. Ich wusste, dass ich mir, neben der Arbeit, etwas suchen muss, dass mich beschäftigt, vom Sofa und aus dem Bett holt und von dem ich weiß, dass ich es schaffen kann.

Die Motivation

Ein paar Jahre zuvor hatte ich von einem amerikanischen Unternehmen, mit Partnern in Deutschland und Großbritannien erfahren, welches Bausätze für Paddel- und Ruderboote, sowie für einen Minicamper anbot. Der Bauablauf ist bei allen Bausätzen gleich: man erhält passend zugeschnittene Sperrholzpanele, bringt diese nach und nach in die gewünschte Form in dem man sie mit Kupferdraht aneinander zwirbelt, verklebt dann die Kanten, überzieht alles mit Epoxy und teilweise Glasfasermatten, schleift alles (90% der Arbeit!), lackiert es hübsch und baut die Kleinteile an.
Schon kurz vor der OP hatte ich mir den Bausatz für ein Kajak bestellt und (mit Genehmigung meiner besseren Hälfte) im Wohnzimmer angefangen. Dann, nach der OP, bestellte ich den Bausatz für den Camper. Da es schon als Kind mein Traum war, ein eigenes Ruderboot zu bauen, folgte im Herbst 2019 auch noch der Ruderboot-Bausatz. Ich hatte ab März 2019 einen 20 Quadratmeter großen Schuppen mit undichtem Dach angemietet und legte zunächst mit dem Camper los. Zunächst funktionierte gar nichts. Ein paar Teile hatte ich schief zusammengebaut, durchgeregnetes Wasser verfärbte das Sperrholz, meine Kräfte und meine Motivation verließen mich.
Als Corona einschlug und absehbar wurde, dass Camping keine Option sein würde, schob ich den Camper in die Ecke und arbeitete am Kajak weiter. Als mich die Arbeiten zu sehr frustrierten (ich habe wirklich viele Fehler im Bauprozess gemacht), fing ich mit dem Ruderboot an. Die Arbeiten verliefen viel besser als beim Kajak und Camper, so dass es mir mit den Fortschritten spürbar immer besser ging. Ich hätte das Boot im Herbst 2020 auch fast fertigbekommen, doch leider musste ich kurzfristig viele Dienstreisen machen und das Wetter wurde dann zu kalt für die Arbeiten am Boot.
Im Frühjahr 2021 habe ich schließlich mit Hilfe meiner Frau endlich das Kajak fertig gestellt und konnte dann mit dem Ruderboot weiter machen. Zunächst hatte ich es außen blau angestrichen, aber irgendwie passte mir das nicht. Also schliff ich die Farbe wieder herunter und trug nun viele Lagen (ich glaube am Ende waren es sieben) Weiß auf. Im Sommer entschieden wir uns, nicht weg zu fahren und so holte ich den Camper wieder aus der Versenkung und schob das Ruderboot in die Ecke… Auch der Camper wurde in diesem Sommer nicht fertig.
Mitte September packte mich der Ehrgeiz: das Ruderboot müsse nun endlich fertig werden! Es fehlte noch der graue Lack für den Innenraum und der Klarlack für die Holzleisten. Drei Wochen lang schleppte ich mich jeden Tag nach der Arbeit in den Schuppen, schliff den Lack an, reinigte alles, trug die nächste Schicht auf. Endlich war es so weit, ich konnte die Rudertüllen einbauen und das Boot war bereit zur Taufe! Kurzfristig entschieden wir uns, mit Kajak auf dem Dach und Ruderboot auf dem Anhänger zu meiner Familie in Bielefeld zu fahren. Am 24. Oktober 2021 war es endlich so weit. Im benachbarten Herford gibt es den Fluss Werre, der gerade breit und tief genug ist, um ein wenig darauf zu rudern. Wir parkten unser Gespann, ich trug das Kajak zur Anlegestelle und widmete mich dem noch ungetauftem Ruderboot. Beim Abladen vom Anhänger rutschte es von der Führungsrolle und kassierte seine erste dicke Schramme. Nicht so schlimm, sagte ich mir. Nun wuchteten mein Vater und ich das mit Ausrüstung rund 60kg schwere Boot den Hang vom Werre-Spazierweg zum Anleger herunter. Meine vierundachtzig Jahre alte Großmutter sagte in Anwesenheit meiner Eltern, meiner Frau, meiner Schwester, meiner kleinen Nichte und natürlich mir den Taufspruch auf und gab dem Boot seinen Namen: Serene. Serene steht für heiter, bzw. gelassen.
Anschließend drehte ich eine Runde, dann abwechselnd mit allen anwesenden. Für die lang ersehnte Fotosession setzte sich mein Vater an die Riemen und meine Oma auf den Passagiersitz.
Ich schob das Kajak ins Wasser und wäre vor lauter Aufregung beim Einsteigen fast gekentert. Zum Glück befand sich die a6400 mit Sony 70-350mm G-Serie Objektiv noch sicher in den Händen meiner Frau. Ich holte zu Serene auf, legte das Paddel ab und griff zur Kamera. Serene, das Kajak und meine Kamera gleichzeitig zu koordinieren war gar nicht so einfach. Während mein Vater das Boot in Position brachte, driftete das Kajak weiter und ich musste mich um meine Hochachse drehen, um die Kamera richtig auszurichten. Nach fünf Minuten hatten wir endlich alle die richtige Technik raus: ich bekam mein Zielfoto: eine Frontalansicht des wunderschönen, weißen Klinkerbugs!
Wir ruderten die Werre noch eine halbe Stunde rauf und runter, ehe es uns zu kalt wurde. Ich war überglücklich, nach den vielen Fehlschlägen nun auch das Ruderboot fertig bekommen zu haben und das nun nur noch der Camper auf der To-Do-Liste stand. Die Auswahl der finalen Fotos war ebenso eine große Belohnung.
Das Beste an dem Tag jedoch war, dass meine Frau bereits unsere, inzwischen anderthalbjährige, Tochter in sich trug.
P.S.: ein Bautagebuch findet ihr auf meinem DIY-Account bei Instagram: https://www.instagram.com/jmb_builds/

Autor:in
Johannes B.
Ingenieur aus Bielefeld/Hannover
Ich fotografiere am liebsten Menschen und auf Reisen. Meine erste Digitalkamera war 2003 ein trashiger VGA-Kamerastick, gefolgt von einer Canon PowerShot a400 in 2005. Seit 2015 benutze ich Kameras mit Wechelobjektiven ❤️
Ich fotografiere am liebsten Menschen und auf Reisen. Meine erste Digitalkamera war 2003 ein trashiger VGA-Kamerastick, gefolgt von einer Canon PowerShot a400 in 2005. Seit 2015 benutze ich Kameras mit Wechelobjektiven ❤️

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