Trillion Star Wine

Eine Story von Mathias Steins
05.03.2023

In dieser Story

Die Ausgangssituation

2022 sollte es noch einmal an den Bodensee nahe Lindau gehen. Die Familie hatte entschieden, den Jahresurlaub an diesem abwechslungsreichen Ort zu verbringen. Wir waren ein paar Jahre zuvor schon einmal dort. Aber dieses Jahr war es etwas anders. Die Nachtfotografie, und besonders die Milchstraße, hatte es mir angetan. Am Tage genoss ich die wunderschöne Landschaft in den Obstplantagen. Es entstanden Fotos, wie ich sie jedes Jahr gemacht habe. Aber ich wollte mehr. Jeder neue Ort, den wir besuchten, wurde mit dem Hintergedanken betrachtet, ob er sich für das eine besondere Nachtfoto eignen könnte. Die Suche war anstrengend, machte aber gleichzeitig viel Spaß.

Die Qual der Wahl

Den schönsten Blickwinkel zu finden, hatte ich mir schon leichter vorgestellt. Weil die Milchstraße zu sehen sein sollte, war der Aufnahmezeitpunkt stark eingegrenzt. Immerhin waren wir kurz vor Neumond, wo die Sterne am besten zu sehen sein würden. Es gab viele schöne Ecken. Aber entweder fehlte das besondere Etwas oder die Himmelsrichtung war nicht zur Milchstraße ausgerichtet. Es wurde mit der Zeit immer frustrierender.

Spontanität bewirkt Wunder

Als dann kurz vor Neumond die erste wolkenfreie Nacht angekündigt war, musste diese Chance genutzt werden. Während die Familie vor dem TV versunken war, zog ich die Wanderschuhe an und schnappte mir meinen Rucksack. Es sollte zu Fuß auf einen nahegelegenen Hügel gehen. Von dort hat man eine wunderbare Aussicht über den Bodensee. Und die Milchstraße sollte genau zwischen den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz zu sehen sein.
Dort angekommen, saß ich mit Sternenbegeisterten und Liebespaaren unter dem Sternenhimmel, beobachtete die Lichter der Schiffe auf dem See und wartete auf die hereinbrechende Nacht.
Als Landschaftsfotograf braucht man viel Ausdauer. Die Anderen hatten diese wohl nicht. Denn nach einiger Zeit wartete ich dort alleine auf die letzten Minuten bis zur vollkommenen Dunkelheit. Gruselig sind diese Momente, wenn keine Menschenseele in der Nähe ist, aber trotzdem unbekannte Geräusche um einen herum zu hören sind.
Obwohl mich das Wetter förmlich dazu zwang, spontan und wenig vorbereitet loszuziehen, war ich begeistert, als ich die Milchstraße auf den ersten Bildern sehen durfte. Das Gefühl, es durchgezogen zu haben und am Ende belohnt zu werden, war großartig. Das Bild gefällt mir bis heute so gut, dass groß gedruckt in meiner Wohnung hängt.

Unverhofft kommt oft

Mit dem Wunschbild im Kasten, waren die folgenden Tage wesentlich entspannter. Während einer entspannten Wanderung sind wir auf einen nahegelegenen Weinberg gestiegen. Die Weintrauben waren gerade dabei, die Farbe von Grün nach Rot zu ändern.
Und plötzlich wusste ich, was ich wollte: Das Zielfoto sollte in den Obstplantagen aufgenommen werden. Es gab nichts Besseres, um diese Landschaft mit meinem Wunschmotiv zu vereinen. Auch wenn das vorherige Bild gut ist, dieses würde besser werden. Da war ich mir sicher.
Glücklicherweise sollte es wenige Tage später noch einmal eine wolkenfreie Nachts geben. Mein Ziel war gesetzt.

Fokusstacking im Dunklen

Die Nacht war schwül. Schwitzend musste ich gefühlt tausend Stufen hinauf auf den Hügel. Oben angekommen, machten sich dann viele Moskitos über mich her. Aber die richtige Herausforderung lag noch vor mir.
Die richtige Weinrebe hatte ich mir bereits zuvor herausgesucht. Mit meiner Lampe konnte ich sie schnell wieder finden. Das Stativ war aufgebaut, die Kamera war bereit. Jetzt musste nur noch fokussiert werden.
Aber wie mache ich das, wenn im Viewfinder dort unten so tief am Boden nur ein schwarzes Bild zu sehen ist? Dazu sollten mehrere Bilder her, damit ich das Bild fokusstacken konnte.
Mit einer kleinen Lampe, die ich zum Glück noch im Rucksack hatte, konnte ich die Weinreben leicht beleuchten, um das Fokussieren überhaupt zu ermöglichen. Mit Fingerspitzengefühl schob ich den Fokus langsam nach Hinten und machte viele Bilder. Die Hoffnung war, genug Bilder zu machen, um in der Nachbearbeitung einen lückenlosen Fokus zu bekommen.

Zuerst gemischte Gefühle …

Am nächsten Tag konnte ich nicht anders. Ich musste direkt nach dem Aufstehen die Bilder kontrollieren. Die Bilder waren sagenhaft schön geworden. Aber nur 18 Megapixel? Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als ich feststellen musste, dass ich bei meinen Arbeiten in der Dunkelheit irgendwie in den Cropmodus gewechselt bin. Zu allem Überfluss fehlten noch ein paar Bilder für einen durchgängigen Fokus. Die Gefühle spielten noch einige Zeit Ping-Pong.

… dann die Erkenntnis

Einige Wochen nach dem Urlaub nahm ich mir diese Bilder zur Brust. Etwas Nachbearbeitung würde nicht schaden. Als das finale Bild vor mir auf dem Bildschirm zu sehen war, war ich sehr zufrieden mit dem, was ich sah. Die wenigen Pixel waren auch schnell vergessen. Denn ich erinnerte mich, dass die Pixel reichten, um fast verlustfrei in DIN A3 Größe gedruckt werden zu könnten. Natürlich ärgerte mich weiterhin dieser grobe Schnitzer. Aber der Inhalt des Bildes ist viel wichtiger, als die technischen Daten.

Technisch nicht perfekt, aber beliebt

Mittlerweile wurde das Bild mehrfach größer gedruckt. Niemanden ist aufgefallen, dass Pixel fehlen oder der Fokus nicht durchgängig ist. “Trillion Star Wine” ist eines meiner beliebtesten Bilder geworden. Und solange ich niemanden die technischen Probleme des Bildes aufzeige, wird das auch so bleiben.
Du, lieber Leser dieser Story, wirst es doch bestimmt für dich behalten können, oder nicht?!

Autor:in
Mathias Steins
Hobbyfotograf aus Westfalen
Hobbyfotograf aus Leidenschaft. Verbindet seine Liebe zur Natur und zum Wandern mit auf Fotos gebannten Erinnerungen.
Hobbyfotograf aus Leidenschaft. Verbindet seine Liebe zur Natur und zum Wandern mit auf Fotos gebannten Erinnerungen.

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Diskussionsbeiträge (4)

07.03.2023, 07:56 Uhr
dima.skir
07.03.2023, 07:56 Uhr
Tolles Bild und Story :)
06.03.2023, 17:34 Uhr
Kathy
06.03.2023, 17:34 Uhr
Eine schöne Geschichte zu einem beeindruckenden Foto. Die Sterne sehen fantastisch aus und die Trauben mit Fokusstacking im Dunkeln stelle ich mir auch nicht so einfach vor. Vielen Dank für's Teilen! :)
06.03.2023, 14:25 Uhr
Axel Becker
06.03.2023, 14:25 Uhr
Wundervolle Komposition und echt klasse umgesetzt.
05.03.2023, 11:59 Uhr
Peter Ebel
05.03.2023, 11:59 Uhr
Prima Bild
18MP sind völlig OK, lass dich bloß nicht von dem Megapixel Hype anstecken.
Das Bild ist echt gekonnt gemacht und so wahrscheinlich noch nie zuvor entstanden.

Sei stolz und freu dich ;-)
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