Wenn der Vater mit dem Sohne – Eine Reise zu den Schwingen Tschechiens
In dieser Story






Es gibt Momente im Leben eines Vaters, die lassen sich nicht in Megapixeln messen. Es sind jene Augenblicke, in denen man realisiert, dass die eigene Leidenschaft einen neuen Hafen gefunden hat – im Herzen des eigenen Sohnes.
Im März machten wir (mein Sohn Erik und ich) uns auf den Weg nach Tschechien. Es war kein gewöhnlicher Ausflug, sondern ein Geschenk von Freunden, die Fotoreisen organisieren und in meinem neunjährigen Sohn schon früh das Feuer für die Fotografie erkannt haben. Als wir am Freitagabend ankamen und unsere Zimmer bezogen, ahnten wir noch nicht, welche Magie uns in den nächsten 48 Stunden erwarten würde.
Der erste Morgen – Licht und erste Berührungen
Samstag, 6:00 Uhr morgens. Die Welt in den tschechischen Wäldern schläft noch tief, während wir uns durch das Unterholz pirschen, um die erste goldene Lichtstimmung einzufangen. Ein örtlicher Falkner begleitete uns mit seinen Tieren.
Die Luft war empfindlich kalt, und der Atem stand in dichten Wolken vor unseren Gesichtern. Ich sah Erik an und fragte mich kurz, ob er der Kälte trotzen würde, doch seine Konzentration war ungebrochen. Dort standen wir: der Waldkauz, der Rauhfußkauz und der mächtige Habichtskauz ließen sich im sanften Licht der aufgehenden Sonne nieder. Ich beobachtete Erik mehr als die Vögel selbst. Wie er seine Kamera mit klammen Fingern hielt, wie konzentriert er versuchte, den Fokus auf die tiefen Augen eines Uhus zu setzen. Schon an diesem ersten Tag geschah das für ihn Unfassbare: Er durfte die ersten Greifvögel auf die Faust nehmen. Das Gewicht des Tieres, der direkte Kontakt – in diesem Moment spürte ich einen gewaltigen Stolz. Trotz der morgendlichen Kälte und der frühen Stunde war er voll und ganz in seinem Element.
Ein besonderer Liebling schlich sich schon hier in unsere Herzen: der Steinkauz. Als quirliger kleiner Kobold begleitete er uns den ganzen Tag über. Mit seinen drolligen Bewegungen und dem aufgeweckten Blick sorgte er immer wieder für Begeisterung und lockerte jede noch so konzentrierte Shooting-Situation auf.
Überraschend wendete sich das Wetter zur Mittagszeit: Die tschechische Märzsonne entwickelte eine solche Kraft, dass wir die dicken Jacken ablegen konnten und schließlich nur noch im T-Shirt dastanden. Diese Wärme nach dem kühlen Morgen tat uns allen gut.
Der zweite Tag – Der Kampf gegen die Müdigkeit und ein Hauch von Hogwarts
Sonntagmorgen, noch vor 5:00 Uhr. In diesem Alter ist der Schlafmangel ein übermächtiger Gegner. Die morgendliche Kühle schien noch in den Knochen zu sitzen. Ich sah Erik an, wie schwer ihm das Aufstehen nach dem langen Samstag fiel. Die schlechte Laune war ihm ins Gesicht geschrieben, und jedes Wort schien eines zu viel zu sein. Der Kampf mit der Müdigkeit und dem klammen Morgen war hart, und ehrlich gesagt war ich mir kurz unsicher, ob der Tag für ihn ein Erfolg werden würde.
Doch als wir am alten Waldfriedhof ankamen und die ersten Nebelschleier über dem Boden sahen, wendete sich das Blatt. Die Schleiereule und die Schneeeule wirkten zwischen den Grabsteinen wie Geister aus einer anderen Welt. Besonders die Schneeeule zog Erik sofort in ihren Bann – in ihrem strahlend weißen Gefieder sah sie exakt aus wie Hedwig, die Eule von Harry Potter. Dieser Anblick verlieh der morgendlichen Stille eine fast greifbare, magische Stimmung und ließ die Welt von Hogwarts für einen Moment in Tschechien Wirklichkeit werden.
Als Erik dann erneut die Gelegenheit bekam, diese majestätischen Tiere – und später auch die Waldohreule und den Wanderfalken – auf die Faust zu nehmen, war der Schlafmangel wie weggeblasen. Die Kälte war vergessen, das Zittern wich der puren Faszination. Und wie am Vortag wurde es auch heute wieder so mild, dass wir am Mittag die Sonne im T-Shirt genießen konnten.
Und natürlich war er wieder da: unser kleiner Kobold, der Steinkauz. Auch am zweiten Tag wuselte er umher, als wollte er sicherstellen, dass Eriks Laune endgültig in pures Staunen umschlägt. Seine Augen leuchteten heller als die Morgensonne auf dem Waldfriedhof. In diesem Augenblick verschmolzen Ehrfurcht vor der Natur und purer, kindlicher Stolz.
Mehr als nur Fotos
Was mich an diesem Wochenende am meisten berührt hat, war Eriks eigene Verwandlung. Trotz der kühlen Morgenstunden, der kurzen Nächte und der anfänglichen Erschöpfung wuchs er mit jedem Bild, das er mir auf seinem Display zeigte – scharf, gut komponiert, emotional – ein Stück über sich hinaus. “Schau mal, Papa, das ist richtig gut geworden!”, sagte er mit einem Strahlen, das keine Blende der Welt schöner hätte einfangen können.
Es war ein Wochenende der langen Tage und der kurzen Nächte, ein Wochenende voller Disziplin und kleinerer Launen, aber vor allem ein Wochenende der tiefen Verbundenheit. Zu sehen, wie mein Sohn die Geduld aufbringt und trotz Müdigkeit die Würde dieser Tiere respektiert, war für mich das wertvollste Ergebnis dieser Reise.
Eines ist mir noch wichtig zu erwähnen: Ein beachtlicher Teil der Bilder, die ich dieser Story hinzufüge, wurde von Erik selbst aufgenommen. Ich lasse sie bewusst unkommentiert – ihr, liebe Leser, dürft gerne raten, welche Fotos von mir und welche von dem “kleinen Profi” stammen.
Danksagung
Ein unendlicher Dank geht an Günther und Andi von Natur and Wildlife Phototours. Danke für dieses großzügige Geschenk und für die Chance, dieses unvergessliche Vater-Sohn-Wochenende erleben zu dürfen. Ihr habt nicht nur Bilder ermöglicht, sondern Erinnerungen geschaffen, die Erik und mich ein Leben lang begleiten werden.



























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