Wenn das allererste Shooting mit Blitzen etwas eskaliert, kann das zu Erkenntnissen führen
In dieser Story


Ich weiß gar nicht genau, wie ich diese Story anfangen soll. Vielleicht damit, dass mich schon lange das Thema Portraitfotografie mit Blitz unheimlich interessiert und ich das “unbedingt irgendwann mal” ausprobieren wollte.
Bisher aber erstreckte sich meine Erfahrung aber auf das Ansehen diverse Videos auf YouTube (auch die eines gewissen Stephan W.), auch wenn ich mich anschließend dem “Gear Acquisition Syndrome” hingegeben habe, so dass sich irgendwann drei große Aufsteckblitze, drei riesige Backdrops (nebst immens großem Rahmen zum Aufhängen), eine überraschend große Zahl unterschiedlicher Softboxen, Schirmen, Dishes, Snoots, Bouncer und sonstiger Klein- und Großreflektoren gut wegsortiert in den Ecken unserer Wohnung befanden. Nur gearbeitet habe ich damit bisher nie.
Doch jetzt kam mir mein zweites Hobby zu Hilfe: ich spiele Horn in einem großen Uni-Orchester – und unsere Tubistin wird im kommenden Semester ein Solokonzert mit uns spielen. Für die Werbung und die Konzerthefte braucht es natürlich Fotos, die sie so noch nicht hat. Ich sah meine Chance und fragte sie, ob sie Lust hätte, mit mir Portraitfotos zu machen (mit Tuba). Ich hätte die Chance, das mal zu üben, und vielleicht käme ja auch was Brauchbares für sie für unser Konzert im kommenden Semester herum. Und sie war einverstanden, auch wenn uns beiden klar war, dass das mein erstes Shooting dieser Art sein wird und wir möglicherweise mehrere Shootings brauchen, bis wir überhaupt etwas Brauchbares in den Händen haben.
Die Location war zum Glück kein Problem. Ich kenne hier bei mir vor Ort den Vorsitzenden eines logenartigen Vereins, der sich vor Jahren eine ehem. Kirche als Vereinshaus zugelegt hat. Ich konnte ihn überreden, mir die Kirche für einen Tag zu überlassen, weil sie viel Platz und ein sehr, sehr gleichmäßiges Licht bot – also sehr kontrollierte Rahmenbedingungen.
Dumm nur, dass ich mich selbst nicht kontrollieren konnte und unbedingt ALLES ausprobieren wollte. Und das hat mir am Ende viele Erkenntnisse und ein überraschendes Ergebnis eingebracht.
1. Erkenntnis: Vorbereitung ist alles
Wer nicht regelmäßig blitzt (oder wie ich: es nur theoretisch kann), sollte VORHER testen, ob und wie das Equipment funktioniert. Sind genügend Batterien vorhanden? Wie funktionieren die Blitze? wie funktioniert der Transmitter? Wie muss man beides so einstellen, dass das dann auch miteinander funktioniert? Und wie zur Hölle bekomme ich trotz zwei moderner Blitze jetzt noch den 40 Jahre alten Blitz aus dem Nachlass meines Vaters in das System implementiert, um zur Sicherheit noch was “in Reserve” zu haben (Spoiler: ich habe ihn tatsächlich gebraucht!). Und ja: es ist auch hilfreich, sich vorher auch nochmal damit vertraut zu machen, wie die Softboxen aufgebaut werden und wo wie welche Diffusoren und Grids angebracht werden. Das habe ich zum Glück alles gemacht – und es hat mich einen ganzen Tag gekostet. Also: für die Vorbereitung ausreichend Zeit einplanen!
2. Erkenntnis: Wenn du “nur” üben willst, nimm dir nicht zu viel vor
Spoiler: das habe ich nicht gemacht. Wie man es ahnt, ist es auf meiner Seite zu einer Materialschlacht geworden. Ich wollte es ruhig angehen lassen und war 3 Stunden vor dem vereinbarten Treffzeitpunkt schon in der Kirche – und habe diese 3 Stunden auch gebraucht, um alles vorzubereiten und herzurichten. Und weil “zum 1. Mal Blitzen” ja nicht ausreicht, bin ich auf die irrwitzige Idee gekommen, das auch gleich mit “zum 1. Mal ein Tethering-Shooting” zu kombinieren. Auch das hatte ich am Tag zuvor noch erfolgreich ausprobiert, aber bekanntlich ist der Teufel ja ein Eichhörnchen. Zum Beginn des Shootings funktionierte es prompt NICHT. O.k., es brauchte “nur” einen Neustart des Rechners, aber im Nachhinein hätte ich DEN Stress vermeiden können. Vor allem: je mehr man aufbaut, desto mehr muss man während des Shootings kontrollieren. Und das kostet Kraft und Nerven. So kam es dann auch dazu, dass ich letztendlich zwar beim Aufbauen vor Ort auch verschiedene Kameraeinstellungen ausprobiert hatte, um mich dann für eine zu entscheiden. Aber die blieben es dann auch. Im Nachhinein hätte ich gerne die Chance genutzt, mit verschiedenen Blenden zu üben. Weil ich aber beim Shooting auf so viele andere Sachen achten musste, fiel das komplett hinten ‘runter. Also: Zum Üben ist es besser, sich auf wenige Sachen zu beschränken.
3. Erkenntnis: Plane Pausen ein, damit man sich zwischendurch erholen und stärken kann
Das Shooting selbst hat dann auch noch mal gut 3 Stunden gedauert, und es geht so viel Zeit für so viel Kleinkram drauf: Makeup richten, Kleider wechseln, Blitz neu positionieren, ggf. einen weiteren Blitz als Stützlicht aufbauen (große Instrumente können große Schatten werfen). Zwischendurch waren die Batterien des einen Blitzes ‘runter und mussten getauscht werden, etc. Und natürlich muss auch das Model “dirigiert” und verschiedene Posen ausprobiert werden. Das hat auch alles funktioniert und am Ende waren wir alle auch glücklich und stolz auf die Bilder – aber wir waren auch durch. Am Ende ging wirklich nichts mehr. Und wenn ich mir die Fotos gegen Ende ansehe, dann ist das Lächeln von Helena längst nicht mehr so entspannt wie am Anfang. Das hätte ich uns allen ersparen können, wenn ich nach der Hälfte der Zeit einfach mal eine Pause gemacht hätte für ein bisschen Kaffee und Kuchen (oder ähnliches). Vor allem: es wäre alles vor Ort gewesen, denn es gab dort eine voll eingerichtete Küche. Keine Frage: die 3 Stunden haben wir richtig gut gefüllt, und die Ergebnisse sind toll. Insofern war die (Netto-)Zeit absolut gerechtfertigt. Aber beim nächsten Mal gibt es geplante Pausen! Und Kaffee! Und Kuchen!
4. Erkenntnis: Mit helfenden Händen wird es viel einfacher
Helena hatte nicht nur ihre zwei Tuben mitgebracht, sondern auch ihre Eltern. Das war grundsätzlich eine Super-Idee, gab aber der Sache in meinem Fall einen Twist, den ich nicht hatte kommen sehen. Darauf komm’ ich noch zurück. Aber erstmal war insb. ihre Mutter ein riesiger Gewinn, denn sie konnte Helena nicht nur beim Makeup helfen, sondern auch beim Wechseln der Outfits. Helenas Vater war in der meisten Zeit eher der Feelgood-Manager, aber extrem hilfreich, wenn es darum ging, das Setting mit umzubauen. Schwere Tische lassen sich zu zweit definitiv leichter bewegen. Also: es ist extrem hilfreich, jemanden dabei zu haben, der einem all das abnimmt, was nicht unmittelbar mit dem Fotografieren zu tun hat. Hätte ich das hier nicht gehabt, hätte das Shooting so nicht funktioniert.
5. Erkenntnis: Stimme vorher Outfit und Hintergrund farblich zueinander ab
Ich habe neben einem rein schwarzen und einem rein weißen Hintergrund lediglich einen(!) farbigen Hintergrund zum Aufhängen, nämlich einen braunen, leicht texturierten. Mit Helena hatte ich vorher besprochen, DASS sie mehrere Outfits (leger und festlich) mitbringt, aber nicht näher besprochen, welche. Insbesondere über die Farben hatten wir nicht gesprochen. Zum Glück war das, was Helena dabei hatte, mehrheitlich schwarz: ein schwarzes Top (in Kombi mit einer Jeans), ein Hosenanzug und ein langes Etuikleid. Das ließ sich suber vor dem braunen Backdrop arrangieren. Farbiges war ansonsten “nur” ein rosa Kleid und eine kräftig-grüne Strickjacke – und zwar genau in den Tönen, die sich massiv mit meinem braunen Backdrop bissen. Auch mit dem weißen Hintergrund hats nicht wirklich funktioniert und auch die Fotos vor dem schwarzen Hintergrund sind ziemlich langweilig geraten. Hätten wir das vorher besser besprochen, hätte sie die bunten Sachen nicht mitbringen brauchen und wir hätten uns Zeit gespart. Oder ich hätte (GAS lässt grüßen) noch einen andersfarbigen Hintergrund besorgt, der besser zu den anderen Sachen passt. Also: Ich werde zukünftig definitiv die Frage der Outfits besser klären. Auch das ist Vorbereitung.
6. Erkenntnis: Ein Himmelreich für einen Dampfglätter
Ich bewahre meine Backdrops sorgfältig zusammengelegt in einer ausreichend großen Tasche auf. Das ist angesichts meiner Wohnsituation soweit auch in Ordnung. Nur sorgt das leider dafür, dass man – wenn die Stoffe am Gestell hängen – die Falten sieht, die die Lagerung unweigerlich verursachen. Leider sind meine Photoshop-Kenntnisse noch nicht so ausgereift, dass ich diese Knicke und Falten mit wenigen Klicks entfernen kann. Das hat mich in der Nachbearbeitung so viel Zeit und Nerven (und KI-Credits) gekostet, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mir für 30 bis 40 € einen Dampfglätter zuzulegen. Das ist definitiv günstiger – und wahrscheinlich nervenschonender. Vor allem aber ist die Erkenntnis für mich: Was du vor Ort “in der Kamera” schon machen kannst, MACH ZUR HÖLLE IN DER KAMERA! DANN BRAUCHST DU ES NICHT IN DER NACHBEARBEITUNG MACHEN!
7. Erkenntnis: Haare, überall Haare
Lange Haare sind ein Teufelszeug – zumindest in der Fotografie. Es scheint ihre Eigenart und Bestimmung zu sein, sich aus jeder gelegten, gebundenen oder sonst wie geformten Frisur herauszufrisseln und sich in aberwitzige Richtungen davonzudrehen. Wir haben leider während des Shootings nur grob drauf geachtet – was die Nachbearbeitung zur Hölle gemacht hat. Haare nachträglich bearbeiten ist eine Arbeit für jemanden, dem seine Feinde nur das Schlimmste wünschen. Also beim nächsten Mal nicht nur einfach drauflosfotografieren, sondern zwischen den Bildern IMMER wieder die Haare des Models kontrollieren, und die wilden Partisanen, die sich davonstehlen wollen, zu bändigen wieder in die Frisur bringen. Oder falls ich es noch nicht gesagt habe: Was du vor Ort “in der Kamera” schon machen kannst, MACH ZUR HÖLLE VOR ORT IN DER KAMERA! DANN BRAUCHST DU ES NICHT IN DER NACHBEARBEITUNG MACHEN!
Ich könnte mich jetzt noch dazu auslassen, dass Blechblasinstrumente aus Blech bestehen und Blech die leidige Eigenschaft hat, Blitzlicht massiv zu reflektieren, und dass ich in der Nachbearbeitung gefühlt Stunden damit verbracht habe, diese abzumildern, und dass schon beim Shooting durch etwas andere Haltung oder Positionierung ein Großteil wahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre. Aber auch das buche ich mal ab unter: Was du vor Ort “in der Kamera” schon machen kannst, MACH ZUR HÖLLE VOR ORT IN DER KAMERA! DANN BRAUCHST DU ES NICHT IN DER NACHBEARBEITUNG MACHEN! Oder sagte ich das schon?
8. Erkenntnis: Es lohnt sich immer, mit Profis zusammenzuarbeiten – selbst wenn man es nicht weiß
Ah, und dann gab es noch einen finalen Plottwist, der sich durch Helenas Eltern ergab, denen ich übrigens hier auch noch mal danken will, denn sie waren toll und haben das Ganze großartig unterstützt. Insbesondere Helenas Mutter hatte einen guten Blick für Posings, dafür, wie der Stoff des Kleides fällt usw., aber auch Helenas Vater hat zwei, drei richtig gute Anmerkungen gemacht, die wirklich, wirklich hilfreich waren. Und dann stellte sich, als wir hinterher noch ein paar Minuten zusammensaßen und plauderten, heraus, dass beide selbst professionelle Musiker sind. Wenn jemand Ahnung hat davon, wie Solistenfotos für klassische Musiker aussehen sollten, dann sie. Und sie haben ihr Wissen mit in das Shooting eingebracht. So kamen am Ende Bilder heraus, wie diese hier in dieser Story. Das klappt sicher nicht immer, aber dennoch: es lohnt sich immer, Wissen anderer zu nutzen!
Dafür, dass es eigentlich nur ein kleines Shooting werden sollte, damit ich das 1. Mal mit Lichtformern entfesselt Blitzen üben kann, sind am Ende dank der Hilfe aller Fotos dabei herausgekommen, die zukünftig wahrscheinlich häufiger Webseiten, Konzertankündigungen, Programmhefte und vieles mehr zieren werden, denn auch Helena wird voraussichtlich Musik studieren und zukünftig die Fotos noch öfters verwenden.



















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