Vom Tag in die Nacht, Das Monster in der blauen Stunde
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Vom Tag in die Nacht,
Das Monster in der blauen Stunde
Neue Fotoaufgabe, aber welches Motiv?
Eine Skyline, tolle Landschaft? Nein, ich hab eine Idee.
Das Motiv:
Auf dem Weg von Bochum nach Hause, komm ich öfters an der Henrichshütte in Hattingen vorbei. Einst ein mega Industriekomplex, für den sogar die Ruhr umgeleitet wurde.
Übrig ist ein Museum mit dem letzten Hochofen, dessen Feuer schon lange erloschen ist. In der Nacht wird aber toll beleuchtet. Das Wechselspiel der Lichtsituation, perfekt für mein Vorhaben. Die Jahreszeit nicht, es ist an beiden Tagen unangenehm kühl.
Tag eins, Sonntag 21.12.2025 15:45 :
Ich bin spät dran, wer mich kennt, „typisch, immer auf den letzten Drücker“. Aber ich weis wo ich mich hinstellen will, der Bildaufbau ist im Kopf, kenne diesen Ort wie meine Westentasche.
Stativ, Kamera, Funkauslöser, geht alles fix, kann losgehen.
Der Plan, Spiegelvorauslösung 3 Sekunden, elektronischer Verschlussvorhang on, 24mm Brennweite, Blende 8, Fokus auf das Ofengerüst, manuell scharfstellen im Live view , alles fix. Variablen sind, ISO 100, mit der ich starte, die Belichtungszeit, nach Histogramm anpassen und mit zunehmender Dunkelheit erhöhen. Wenn 30 Sekunden erreicht sind, die ISO hochschrauben. Klappt soweit ganz gut, der Himmel hat kaum Wolken und zum Schluss sind sogar ein paar Sterne zu sehen. Klare Sicht, nur Kondensstreifen und Flugzeuge. Die Haupteinflugschneise des Düsseldorfer Flughafens, für Anflüge in westliche Richtung, ist über diesem Ort. Wo die alle grade herkommen? Bestimmt einige aus Ecken der Welt, wo es jetzt wärmer ist. 4°C aber eisiger Wind. 75 Aufnahmen 3h später, es muss reichen, zum Schluss noch ein Foto aus einer anderen Perspektive.
Frust die Erste:
Zu Hause, bei einem heißen Kaffee, die Speicherkarte in den PC. Hmmmm okay, bis auf zwei Aufnahmen, komischer Glow-effekt im Zentrum des Bildes. Diese Fotos lösche ich. Alle anderen mit Objektiv Korrektur, und auto- entwickeln in Light Room und „Adobe Landschaft“ für die Farbe, vorbearbeiten. Jetzt kommt der Teil von dem ich absolut keine Ahnung hab. Photo Shop, noch nie ernsthaft mit beschäftigt. Nicht so meins, damit und, oder mit KI an Bilder herumfummeln. Ich mache lieber Fotos, und finalisiere sie in L-R kurz und knackig. Wie zum Kuckuck geht das, was sind Ebenen, wie schneidet man zu? Die Fragen des Abends, egal ich experimentiere, aufgeben ist keine Option! Am Ende das Ergebnis nochmal in L-R „bügeln“. Habe keinen Bock mich noch mehr mit Fotobearbeitung in P-S herumzuschlagen. In L-R ein paar Settings für Helligkeit, Lichter, über Masken, dann exportieren, fertig.
Ja, es hat so la, la geklappt, aber auf dem Bildschirm, sieht die Welt anders aus, als auf dem Display.
Der Bildaufbau gefällt mir nicht, das Zahnrad im Vordergrund zu dominant, verdeckt das Motiv zu sehr. Die Perspektive der letzten Einzelaufnahme gefällt mir besser. Warum zum Teufel, hab ich nicht?…… Frust.
Tag zwei, Montag 22.12.2025 15:15 :
Weihnachtsurlaub, ein paar Tage Auszeit, ich kann auch mal unter der Woche fotografieren. Also die Chance nutzen und das Ganze nochmal. Diesmal besser vorbereite, früh dran, heißer Tee, was zum Futtern, lange Unterhose, noch dickere Jacke und den Polfilter richtig eingeschraubt. Der ist mir am Vorabend in den Dreck gefallen, nix passiert.
Der Himmel hat mehr Wolken, mehr Kondensstreifen und es wieder kalt, ohne Wind, aber nasskalt.
Gleicher Aufbau, andere Perspektive. Das Stativ steht auf dem Grünstreifen, zwischen Gehweg und dem Zaun zum Gelände. Die Position von Sonntag ist nicht umsetzbar. Es ist Montag, der Feierabendverkehr auf der Straße, Passanten auf dem Gehweg. Will ja nicht den Darwin Award gewinnen. Ich will gar nichts gewinnen. Die Aufgabe ist meine Motivation. Die stürzenden Linien nehme ich bewusst in Kauf. Das Motiv soll monströs wirken, und gleichzeitig erinnern, an da was schon alles gesprengt, abgerissen, umgekippt ist. Das ist auch gut so, wenn Altes nicht mehr gebraucht wird , macht es Sinn Platz für Neues zu schaffen. Das Museum ist immer noch gigantisch groß und erinnert gut an das was mal war. Es macht Industriegeschichte erlebbar, begreifbar, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich starte diesmal mit ISO 64, der Basisiso meiner D850. Den ganzen anderen Kram wie gehabt. Außer die Brennweite, die ist auf 18mm, weil ich die Szene weit winkeliger aufnehmen will. Nach und nach nehme ich mit dem Funkauslöser auf, bloß keinen Wackler produzieren und die Hände bleiben in der Jackentasche. Hier und da fragen Passanten, was ich denn treibe, nette Gespräche am Rande. Die machen es kurzweilig, hier zu stehen.
Ab und zu einen Tee aus der Thermoskanne, ein Apfel, fürs leibliche Wohlbefinden. Es wird dunkel die feuchte Luft kondensiert auf dem Filterglas. Vorsichtig entferne ich den Dunst mit dem Microfasertuch, kontrolliere die Belichtung, justiere, nach. Es wird stressig, die Zeit zwischen dem Wischen, dem Kontrollieren, bis zum Auslösen wird eng. Allzu schnell ist wieder der Beschlag da. Um 18:30 geht es ins Auto, Sitzheizung ist was Feines, ab nach hause, das Thermometer zeigt wieder 4°C, gefühlt waren es 0°.
Frust die Zweite:
Beim Zusammensetzen in P-S, zwischen Aufnahme 37 und 38, vorspringen die Konturen des Motivs. Viele Bilder sind durch den Beschlag unbrauchbar.
Dann eben nicht alle 95 Bilder zu einem verschmelzen. Ich wähle 6 aus. In einer Aufnahme habe ich sogar einen Black-Mist Effekt, kostenloser Filter von Mutter Natur. Für mich ist auch die Reihenfolge, links hell, rechst dunkel logischer, so wie man einen Text liest. Vom Tag in die Nacht.
Die Bearbeitung in gleicher Weise wie bei Versuch 1, geht schnell, leider sind kaum Sterne zu sehen.
Die Lichtverschmutzung der Metropole Ruhr ist gewaltig, der aufziehende Dunst verstärkt das Ganze. Noch einen Astroklarfilter in den Filterhalter schieben, wäre zu viel Aufwand für wenig Effekt gewesen.
Beim Zuschnitt fallen links oben die Äste nicht ganz raus. Die, und ein paar Fragmente der Kondensstreifen noch raus, geschafft.
Eine Anekdote am Rande:
Am zweiten Abend spricht mich eine Frau an, die das Gelände verlässt: „Wenn ihnen das Motiv so gefällt, kommen sie doch mal vorbei. Dann können sie sich frei auf dem Gelände bewegen. Wir haben da Termine“ Wir kommen ins Gespräch und ich gebe ihr meine E-Mail. Sie meldet sich nach den Feiertagen, hoffe ich doch.
Fazit:
Eine spannende Fotoaufgabe, mit Hürden, dazugelernt und so halbwegs erfüllt. Zufrieden ist man ja nie. Aber es hat mich auch mal von Dingen abgelenkt, von Dingen, die ich in den letzten Wochen erlebt habe. Das tat so gut. Spannend sind auch die neuen Kontakte, die sich durch den Förderverein der Henrichshütte ergeben können. Nicht nur, dass ich auf das Gelände darf. Dort gibt es eventuell „Models“ bei der Arbeit mit Feuer und Stahl, wie auf dem Cover „Echtes Handwerk“. Eins kenne ich sogar, wir haben vor 23 Jahren im gleichen Zeichenbüro gearbeitet, uns angegiftet, dummes Zeug gemacht, Tränen gelacht. Wir waren bei der Gründung des Vereins dabei. Aber wie das Leben so spielt, aus den Augen verloren. Wenn dich dein Job und persönliche Katastrophen, in eine andere Welt katapultieren geht viel kaputt.
Tipp:
Hattingens Altstadt ist auch einen Ausflug wert. Fotografen können sich hier austoben. Nicht weit von Hattingen, die Ruhr unterhalb der Isenburg, kommen Tierfotografen zum Zug. Oben auf dem Berg die Ruine der Burg, wer hier keine tollen Motive findet, muss wohl ab in den Flieger, zu den Spots der weiten Welt.





















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