Vom Eisvogel zur Libelle – manchmal kommt es anders
In dieser Story


Wer ich bin und warum ich hier sitze
Hallo. Ich bin eine Libelle.
Eigentlich war ich an diesem Abend nur unterwegs, um noch ein bisschen die letzten Sonnenstrahlen mitzunehmen. Nichts Besonderes. Ein bisschen herumfliegen, irgendwo landen, vielleicht noch ein paar Insekten fangen.
Dass ausgerechnet ein Mensch mit einem riesigen Fotoapparat auftauchen würde, konnte ich natürlich nicht ahnen.
Und dass er eigentlich wegen eines ganz anderen Tieres hier war, wusste ich schon gar nicht.
Vorgeschichte: Eigentlich ging es um einen anderen Vogel
Der Mensch war an diesem Tag nicht wegen mir gekommen.
Ein Fotokollege hatte ihm erzählt, dass es an diesem Teich einen Eisvogel gibt. Und wenn ein Mensch von einem Eisvogel hört, scheint er offenbar alles stehen und liegen zu lassen.
Also setzte er sich hin.
Wartete.
Und wartete.
Irgendwann tauchte der Eisvogel tatsächlich auf.
Ein wunderschöner Vogel. Blau, orange und wahrscheinlich ziemlich überzeugt davon, dass er der Star des Abends ist.
Das Problem: Die Fotos waren offenbar nicht so, wie der Mensch sie sich vorgestellt hatte.
Der große Eisvogel-Moment
Der Mensch saß geduldig da und hoffte auf die perfekte Gelegenheit.
Der Eisvogel sah das offenbar anders.
Nach einiger Zeit verschwand er.
Und kam nicht wieder.
Der Mensch wartete weiter.
Vielleicht kommt er ja gleich.
Noch ein paar Minuten.
Immer noch nichts.
Noch ein bisschen warten.
Nichts.
Irgendwann war klar: Der Eisvogel hatte Feierabend.
Der Mensch offenbar auch.
Zumindest fast.
Plan B: Das große Objektivwechsel-Ritual
Auf dem Heimweg passierte etwas Entscheidendes.
Das lange weiße Ding, mit dem er vorher versucht hatte, den Eisvogel zu fotografieren, verschwand plötzlich.
Stattdessen holte er ein viel kleineres Objektiv hervor.
100 Millimeter.
Makro.
Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Aber offensichtlich bedeutet es: Jetzt wird nach kleinen Dingen gesucht.
Und dann kam ich.
Der Abend war mittlerweile schon weit fortgeschritten. Das Licht wurde weicher und die Sonne stand deutlich tiefer.
Ich setzte mich hin.
Der Mensch sah mich.
Und plötzlich war ich interessanter als der Eisvogel.
Hinter den Kulissen: Mein großer Auftritt
Ich gebe zu: Ich hatte keine Ahnung, dass ich gerade eine zweite Chance bekam.
Der Mensch machte ein Foto.
Dann noch eins.
Und noch eins.
Ich blieb sitzen.
Das ist bei uns Libellen übrigens eine unterschätzte Fähigkeit.
Das Licht wurde immer schöner und der Hintergrund immer ruhiger.
Und irgendwann hatte der Mensch offenbar genau das gefunden, wonach er den ganzen Nachmittag gesucht hatte.
Nur eben nicht am Eisvogel.
Die großen Herausforderungen
Meine Probleme:
- Der Abend wurde langsam kühl
- Ich musste stillhalten
- Ein riesiges schwarzes Auge beobachtete mich
- Ich hatte keine Ahnung, was ein „perfektes Foto“ sein soll
Seine Probleme:
- Der Eisvogel wollte nicht mitspielen
- Warten
- Noch mehr warten
- Objektiv wechseln
- Und plötzlich eine Libelle vor der Kamera haben
Ich glaube, am Ende waren wir beide ganz zufrieden.
Der große Moment
Dann passte plötzlich alles.
Das Licht.
Der Hintergrund.
Meine Position.
Der Abstand.
Der Mensch drückte den Auslöser.
Klick.
Und noch einmal.
Klick.
Diesmal blieb er offenbar etwas länger auf dem Foto.
Ich glaube, er wusste da schon: Das könnte es sein.
Nicht der Eisvogel.
Nicht das Motiv, auf das er den ganzen Tag gewartet hatte.
Sondern ich.
Eine kleine Libelle am späten Abend.
Mein Fazit als Ersatzmodell
Manchmal läuft Wildlife-Fotografie eben nicht nach Plan.
Man geht los, um einen Eisvogel zu fotografieren, wartet geduldig auf den perfekten Moment und fährt am Ende trotzdem ohne Eisvogel-Foto nach Hause.
Dafür sitzt plötzlich eine Libelle genau dort, wo das Licht stimmt.
Ich würde sagen, ich habe den Job ganz ordentlich übernommen.
Der Eisvogel hatte seinen großen Auftritt.
Ich hatte das bessere Timing.












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