Primal Light: Urlicht auf Rügen
In dieser Story
Der Ort
Die Fundstelle meines Motivs befindet sich auf der Insel Rügen. Ganz im Südosten schiebt sich eine etwas unförmige Landzunge in die Ostsee – das Mönchgut. An dessen Westküste fällt das Land über etwa einen Kilometer teilweise steil in Meer ab und mündet in einem schmalen Küstenstreifen mit einem Hauch von Sandstrand. Dort wurden vor Jahrtausenden einige größere Felsbrocken abgelagert, von den Rüganern als Findlinge bezeichnet. Und genau diese Findlinge hatten es mir als Fotomotiv angetan: Massive Steine, vom Meer seit Urzeiten glatt geschliffen, stumme Zeugen einer fast unendlich langen erdzeitlichen Vergangenheit.
Meine Vorbesuche am Zielort: Enttäuschung
Ich war schon mehrfach hier gewesen, allerdings immer zur Unzeit – jedenfalls fotografisch gesehen. Die Sonne hatte geschienen, Schäfchenwolken zeigten sich am ansonsten azurblauen Himmel und Familien mit kleinen Kindern und Hunden tummelten sich auf dem viel zu engen schmalen Sandstreifen und versperrten immer wieder die freie Sicht auf die anvisierte Felsengruppe. An den Aufbau meines Stativs war nicht zu denken. Und atmosphärisch: nichts von wegen urzeitlicher Stimmung, die den geheimnisumwobenen Ort umschlungen halten sollte. Enttäuschung auf der ganzen Linie.
Das Zielfoto
Manchmal lohnt es sich auch für den routinierten Fotografen sich ein paar Basics wieder ins Gedächtnis zu rufen: Was will ich fotografisch umsetzen? Welche Stimmung möchte ich vermitteln? Welche Voraussetzungen müssen stimmen um das Zielfoto mit nach Hause nehmen zu können? Dabei hilft auch ein Blick auf die Wetter-App.
Ich wartete also geduldig auf einen dicht bewölkten Tag und nahm mir den frühen Morgen vor. Nicht etwa wegen einen Sonnenaufgangs, sondern weil die meisten meiner Mit-Urlauber zu früher Stunde noch bei Kaffee und Brötchen den Tag planen würden anstatt mir ins Bild zu laufen. Vor Tag und Tau parkte ich bei aufziehenden Regenwolken mein Auto am Ortsausgang von Groß Zicker und machte mich zu Fuß mit Stativ und Fotoausrüstung auf den Weg zum Nonnenloch: so heißt der steile Abgang vom Land bis hinunter an die Wasserkante. Im Gepäck hatte ich nur die SB2 – meine selbstgebastelte Lochkamera – sowie eine Doppelkassette für Planfilm, heute beladen mit Fomapan 100 SW-Film. Dazu kam noch das obligatorische Gelbfilter um etwas Zeichnung in die zu erwartenden Wolken zu zaubern, und natürlich ein zuverlässiger Handbelichtungsmesser.
Am Ort angekommen fand ich alles wie erwartet vor. Das Stativ war schnell aufgebaut, mit der eingebauten Wasserwaage konnte die Kamera flugs horizontal ausgerichtet werden.Den zu erwartenden Bildausschnitt hingegen konnte ich mangels Sucher nur grob schätzen. Die Belichtungszeit wurde gemessen: bei Blende 190 ergab sich (unter Hinzukalkulieren der Verlängerung für das Gelbfilter und den Schwarzschildeffekt) eine Dauer von 24 Minuten.
Also: Schieber der Kassette ziehen, Objektivdeckel abnehmen und geduldig warten. Zeit also, die Stille des Morgens zu genießen, den eigenen Gedanken nachzuhängen und zu warten, bis das Licht seine Spuren auf dem Film in Form einer Lichtzeichnung, auch als Fotografie bekannt, hinterlassen hatte.
Eine knappe halbe Stunde später meldet der Timer des iPhone unüberhörbar das Ende der Belichtung. Erste Regentropfen fallen. Also Deckel wieder drauf, Schieber einstecken. Und nun geduldig darauf hoffen, dass sich beim häuslichen Entwickeln des Planfilms zeigt, dass Zeit und Aufwand sich gelohnt haben und dass das Zielfoto tatsichlich im wortwörtlichen Kasten angekommen war.
Empfehlung
Eine sorgsame Vorbreitung lohnt immer, insbesondere die Entwicklung einer genauen Vorstellung davon, welche Inhalte und Emotionen im geplanten Foto transportiert werden sollen. Dazu kommen möglichst auch schon Überlegungen zur Form der Veröffentlichung: als einzelner Abzug für den repräsentativen Platz in den eigenen vier Wänden, im Druck mit anderen Fotografien als Foto-Essay, im Portfolio auf der Website … Wenn hierüber Klarheit herrscht braucht, wie im vorliegenden Falle, oft auch nur ein einziges Bild auf die Speicherkarte geschrieben oder den Film belichtet zu werden. Das passt dann …











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