Mt. Bromo und die Morgenröte
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Hintergrund
Ich habe momentan das unglaubliche Privileg auf einer halbjährlichen Reise durch Asien zu sein. Einer unserer Stops war Indonesien, welches vor allem landschaftlich unheimlich viel zu bieten hat. Auf dem Bild sieht man Mt. Bromo, ein Vulkan auf der Hauptinsel Java.
Der „Aufstieg“
Weckruf 02:00. Ein Blick auf die Garmin: Schlafzeit 1:55 – nicht Ausreichend. Die ganze Nacht grölen schon Geländefahrzeuge die kleine Bergstraße hinauf. Schnell in die bereits am Vortag vorbereiteten Sachen und ab nach draußen. Wie wir die Türe unserer Hütte öffnen wird mir bewusst, dass ich vielleicht doch etwas zu leicht gepackt habe. Frierend geht’s Richtung Auto, wo uns unser Fahrer Harry mit einem müden Lächeln begrüßt und so geht’s auch für uns die kleine Bergstraße hinauf. Keine Stunde später kommen wir in einem kleinen, für die Uhrzeit viel zu belebten indonesischen Bergdorf an. „Looks like Rush Hour“ scherzt Harry. Ein kleiner Vorgeschmack auf das was uns erwartet. Bei einer kleinen Kreuzung angekommen übergibt er uns an einen local Guide mit Jeep mit welchem es weiter durch die steilen Gassen des Dorfes geht. Was folgt ist eine der skurrilsten Episoden aus 7 Monaten Reise. 03:00, mitten im nirgendwo und Stau. Wir mittendrin – um uns herum hunderte hupende Geländewägen. Als ich unseren Guide frage ob das jeden Tag so ist lächelt er nur und nickt.
Nachdem sich die Kolonne endlich weiter bewegt, erreichen wir unser nächstes Etappenziel. Die Ebene vor Mt. Bromo. Kurz stoppen wir um die Nebelscheinwerfer anzuschalten und ab gehts mit Allrad auf den schwarzen Vulkansand. Der Vulkan ist heute besonders aktiv, sodass selbst die Scheinwerfer nur minimale Sicht zulassen. Unser Guide drückt aufs Gas und orientiert sich an einem für uns unsichtbaren Weg. Wir haben es anscheinend eilig um noch einen guten Parkplatz zu bekommen. Als wir die Vulkansuppe verlassen und endlich auf den letzten Metern sind, zweifle ich am Erfolg dieses Plans. Wir parken uns an den Rand der Gebirgsstraße und müssen das letzte Stück zu Fuß gehen. Durch die Nacht stapfen wir vorbei an aneinander gereihten Geländewägen. Die Luft so voll mit Abgasen, dass man bei geschlossen Augen auch denken könnte man sei in einem Parkhaus. Immer wieder müssen wir zur Seite, da Motorräder rauf und runter fahren, die die weniger gehfreudigen von ihrem Auto zum Aussichtspunkt fahren. Nach gut 15 Minuten Automesse gelangen wir endlich an eine kleine Lücke zwischen den Wägen. Dahinter ein betonierter Weg mit aus Wellblech und Planen gezimmerten Schuppen links und rechts. Manche vermieten Winterjacken, andere verkaufen Souvenirs, doch die mit der buchstäblich heißesten Ware sind jene die es schaffen Wasser zum kochen zu bringen. Auf 2300 Metern mit einem kleinen Gasflämmchen eine Herausforderung für sich. Das Ergebnis ist ein breitgefächertes Menü von Instantnudeln über 10 verschieden Marken Instantkaffee bis hin zu Tee und heißer Instant Schokolade. Letzteres ist die Ware unserer Wahl und es war mit Abstand die beste heiße Schokolade meines Lebens (Spoiler: Ich habe sie Tage später, ausgeschlafen und nicht unterkühlt, getrunken – war garnicht mehr so geil).
Suchen und warten
Frisch gestärkt merken wir, dass schon die nächsten Herausforderung auf uns wartet. Wohin eigentlich? Wir wissen, wir sind am King Kong Hill Aussichtspunkt und wir wollen den Sonnenaufgang auf Mt. Bromo sehen. Aber wo ist der eigentlich? Zum Glück macht die Hundertschaft um uns herum einen ähnlich planlosen Eindruck und wir entschließen uns für das Motto: “Egal wohin, Hauptsache mal gerade aus“. Es dauert nicht lange und wir sehen über uns auf dem nächst höher gelegenen Vorsprung eine durchgehende Kette an Stirntaschenlampen. Wie die Pinguine aufgefädelt stehen sie da. Nicht nur, dass ich nicht weiß wie wir dort hochkommen, es sieht auch nicht so aus, als ob noch Plätze in erster Reihe vorhanden wären. Schließlich wollen wir, wie alle anderen auch, unsere eigens Erinnerungsfoto vom Sonnenaufgang auf Mt. Bromo haben. Glücklicherweise dauert es nicht lange bis wir hinter dem Geländer eine leere flachgetretene Stelle finden. Im Vertrauen auf die Schwarmintelligenz schlüpfen wir durch das Geländer und positionieren uns auf dem Vorsprung. Jetzt heißt es warten. Bis zum Sonnenaufgang sind es schließlich noch ein und halb Stunden.
und Klick
Nach dem langen Aufbau jetzt der antiklimaktische Höhepunkt. Während wir uns gegenseitig belustigen und abwechselnd Kniebeugen zur Aufwärmung machen, gesellen sich immer mehr Leute auf unsere kleine Platform. Unser Vertrauen auf das Schwarmbewusstsein hat sich anscheinend ausgezahlt. Das Pärchen neben uns hat einen Guide dabei, welcher ihnen stolz erzählt, dass dies aufgrund seiner Nähe zum Einstieg und seinem Ausblick der beste Aussichtspunkt sei. Meinem eigenen Seelenheil zuliebe glaube ich ihm das sofort. Und irgendwann war es dann einfach soweit. Der Berg spuckte seine letzten Schwaden in die Luft und die Sonne stand hoch genug, dass die Spitzen der Berge im roten Licht der Morgenröte erstrahlten. Klick und Klick und Klick. Ich hatte es. Mein eigens Foto vom Sonnenaufgang mit Blick auf Mt. Bromo.
Der „Abstieg“
Nach langem innehalten schauen wir uns das erste mal bei Tageslicht um und erkennen, welche Menschenmasse sich mit uns auf dem Aussichtspunkt versammelt hat. Schnell packen wir unsere Sachen und begeben uns auf den Rückweg über die Bergstraße. Wieder wandern wir entlang der unendlich wirkenden Schlange an Autos. Obwohl wir ein Foto des Nummernschilds haben beginnen wir nach einiger Zeit an uns zu zweifeln. Sollen wir umdrehen? Kann es sein, dass wir aufgrund des Schlafmangels, das Auto übersehen haben? Kurz bevor wir uns tatsächlich zur Umkehr entscheiden die Erlösung. Unser Guide steht plötzlich vor uns und zeigt auf seinen Wagen, der mittlerweile gelb statt grau ist. Erst bei der Abfahrt vom Berg wird mir bewusst, dass der eingängliche Plan doch Erfolg hatte. Minutenlang fahren wir an dicht aneinander geparkten Autos vorbei. Auf Nachfrage erzählt mir unser Guide, dass es mittlerweile über 500 Geländewägen sind die täglich mit bis zu 8 Touristen auf den Berg fahren. Dazu gesellen sich noch einige Allrad Vans, die (solange sie nicht in der Sandwüste liegen bleiben) ebenfalls Gäste aus der Umgebung auf den Berg bringen. Weiter erzählt er uns, dass sein Dorf (der Ort des Fahrzeugwechsels) ursprünglich von beschwerlicher Landwirtschaft lebte. Aufgrund der steilen Hänge konnten keine Maschinen eingesetzt werden, sodass alle Tätigkeiten von Hand erledigt werden mussten. Warum hier ein Dorf errichten? Mt. Bromo ist für die Hindus heilig, es gibt sogar einen Tempel mitten in der Sandwüste.
Irgendwann einmal gingen dank Social Media die Bilder vom Sonnenaufgang mit Blick auf Mt. Bromo um die Welt – ein Hype war geboren und ein neuer Wirtschaftszweig entstand. Heute hat jede Familie des Dorfes einen eigenen Geländewagen, oder ein Motorrad, oder betreibt eine der Wellblechhütten, oder hat ein Pferd welches Leute zum eigentlichen Vulkan bringt. Landwirtschaft ist heute nur noch ein nebensächliches Geschäft.
Was bleibt…
… ist eine gewisse innere Zerrissenheit. Als (Hobby)-Fotograf hat man denke ich immer die kleine Phantasie im Steve McCurry Style vergessene, unentdeckte oder fremde Orte zu besuchen und Bilder nach Hause zu bringen, die die Welt begeistern. Als einer von tausenden die sich alleine an diesem Tag dazu entschlossen haben, den Sonnenaufgang zu bestaunen habe ich mein eigenes Foto geknipst. Sicherlich nicht das schönste Foto, dass jemals von der Szenerie gemacht wurde. Vielleicht nichtmal das schönste, welches an diesem Tag gemacht wurde. Aber es ist mein Foto. Mein Foto welches mich die nächsten Jahrzehnte an den wahrscheinlich skurrilsten Stau meines Lebens erinnert, mein Foto welches ich zu Hause auf ein T-Shirt drucken, oder an die Wand hängen werde. Und vielleicht sogar ist es mein Foto, welches ein paar in meinem Freundeskreis zum Staunen versetzt. Bei manch einem weckt es vielleicht sogar Fernweh und er oder sie begibt sich ebenfalls auf die Reise nach Indonesien um einen ganz besonderen Sonnenaufgang zu sehen. Mehr Massentourismus? Vielleicht. Aber das, was wir in unseren Breitengraden als Unwort abtun, schafft woanders auf der Welt eine Lebensgrundlage für ein ganzes Dorf. Natürlich leidet die Umwelt massiv. Achtlos liegengelassener Müll, Zigarettenstummel und nicht zuletzt der tägliche Konvoi auf den Berg hinterlassen ihre Spuren. Würde ich mir wünschen, dass dieser wunderschöne Ort besser geschützt wird. Ja! Wünsche ich den Leuten, dass weiterhin ein so großes Interesse an ihrem Berg besteht? Auch Ja! Und natürlich hätte ich mir, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, auch gewünscht, ein ganz besonderes Foto zu haben und nicht eines von vielen. Aber das ist vielleicht auch nicht mehr unsere Zeit. So einfach wie heute war es noch nie ein Foto zu knipsen und zu verteilen. Wohlgemerkt ist das auch nichts schlechtes, denn sonst wäre ich wahrscheinlich auch nie zur Fotografie gekommen. Doch dadurch ist die Welt ist ein kleines bisschen vertrauter geworden und die unbekannten Flecken haben sich rar gemacht. Eine Erkenntnis, die ich auf meiner Reise noch öfters machen werde: Das schönste ist es mein ganz besonderes Foto zu haben. Eines von vielen? Vielleicht. Aber meins.











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