“Morgens an der Leine”
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Der Nebel hat sich gerade verzogen. Ein feiner Schimmer liegt noch über dem Wasser, als wüsste es selbst nicht so recht, ob es nun glänzen oder ruhen soll. Die Sonne tastet sich vorsichtig durch die kahlen Äste, berührt das Ufer, das langsam wieder Form annimmt.
Das Wasser spiegelt den Himmel, als wolle es beweisen, dass unten und oben sich gar nicht so sehr unterscheiden. Eine Treppe führt hinab zur Ausstiegsstelle, wo später die Kanufahrer anlegen werden. Jetzt ist sie leer — nur ein Blatt treibt vorbei, kreist kurz und verschwindet zwischen den Ringen aus Licht.
Ein Radfahrer hält an, lehnt sich über das Geländer. Kein Ziel, kein Zeitdruck, nur ein Moment, der bleibt. Hinter ihm summt schon der Verkehr, das vertraute Crescendo des Alltags. Doch hier, zwischen Baum und Brücke, scheint alles stillzustehen.
Vielleicht denkt das Wasser mehr über Grenzen nach als wir. Es fließt einfach — durch Städte, Felder, Geschichten. Es kennt kein „mein“ und kein „dein“, nur Bewegung. Und während die Sonne höher steigt, spürt man: Diese Klarheit kommt selten vor, und man sollte sie nicht für selbstverständlich halten.












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