Handball von Unten
In dieser Story

Ein ganz normaler Spieltag – dachte ich zumindest
Als ich an diesem Abend die Sporthalle betrat, roch es nach Hallenboden, Harz und einer Portion Nervosität. Die Ränge füllten sich langsam, die ersten Rufe hallten von den Stahlträgern der Decke wider, und irgendwo klebte ein Kind mit der Nase an der Bande. Ich hatte meine Kamera dabei, wie immer, aber eigentlich ohne großen Plan. Ich wollte einfach ein paar solide Spielszenen mitnehmen – Sprungwürfe, Jubel, die üblichen Momente.
Was ich noch nicht wusste: Das beste Bild des Tages sollte nicht auf dem Spielfeld entstehen, sondern am Rand davon. Am Boden. Zwischen zwei Beinen.
Wie die Idee entstand
In der ersten Halbzeit war ich noch klassisch unterwegs: aufrecht, Blick auf das display, den Ball verfolgend. Solide Bilder, aber austauschbar. Jeder, der schon mal Handball fotografiert hat, hat sie hundertmal gesehen.
In der Halbzeitpause bin ich dann tiefer gegangen – im wahrsten Sinne. Ich hockte mich hinter die Auswechselbank, um eine andere Perspektive zu testen, und plötzlich sah ich es: Durch die Lücke zwischen den Beinen zweier Spieler öffnete sich ein schmaler Bildausschnitt, ein natürlicher Rahmen, der den Blick wie ein Fenster auf einen einzelnen Spieler auf dem Feld lenkte. Alles drumherum wurde dunkel und unscharf, und mittendrin stand er, gestochen scharf, konzentriert, in seinem rot-weißen Trikot. Da wusste ich: Genau das ist das Bild.
Die Idee war also weniger geplant als gefunden. Manchmal muss man einfach die Höhe wechseln, um etwas zu sehen, das die ganze Zeit da war.
Die Hürden auf dem Weg zum Foto
So einfach das Bild am Ende aussieht – ganz ohne Kampf ging es nicht.
Das größte Problem war die Bewegung. Der Rahmen aus Beinen war alles andere als stabil: Die Spieler traten von einem Fuß auf den anderen, verschoben sich, verschwanden. Ich hatte oft nur den Bruchteil einer Sekunde, in dem sich die Lücke genau richtig öffnete und gleichzeitig ein Spieler mittig im Ausschnitt stand. Dutzende Male drückte ich ab und hatte entweder ein Bein im Bild, einen leeren Rahmen oder einen unscharfen Spieler.
Dazu kam das Licht. Hallenbeleuchtung ist tückisch – gelbstichig, flackernd, nie so hell, wie man es sich wünscht. Um die schnellen Bewegungen einzufrieren, musste ich mit der Belichtungszeit kämpfen und den ISO-Wert hochziehen, ohne das Bild im Rauschen versinken zu lassen. Und weil ich am Boden kauerte, hatte ich weder eine bequeme Position noch die Möglichkeit, mich groß zu bewegen, ohne selbst ins Bild anderer Fotografen oder in die Sichtlinie der Zuschauer zu geraten.
Und ehrlich gesagt: Auf dem Hallenboden zu knien, während neben einem das Spiel tobt und der Ball jederzeit in deine Richtung fliegen kann, ist auch nicht die entspannteste Arbeitshaltung. Aber genau in solchen Momenten entstehen die Bilder, die man nicht im Vorbeigehen bekommt.
Was dieses Foto besonders macht
Für mich lebt dieses Bild von einem einzigen Prinzip: Weniger zeigen, mehr erzählen.
Der dunkle Rahmen aus den unscharfen Beinen nimmt fast die Hälfte des Bildes ein – und genau das ist die Stärke. Er lässt den Blick keine andere Wahl, als zu dem Spieler in der Mitte zu wandern. Man wird regelrecht durch das Bild geführt, als würde man selbst am Rand kauern und heimlich einen Blick aufs Feld erhaschen. Diese Perspektive holt den Betrachter mitten hinein ins Geschehen, dorthin, wo man als Zuschauer eigentlich nie steht.
Gleichzeitig erzählt das Foto eine kleine Geschichte über den Sport selbst: der einzelne Spieler, fokussiert und für sich, umgeben vom Trubel aus Mannschaft, Bank und Publikum. Ruhe im Chaos. Genau dieser Kontrast ist es, der das Bild für mich über eine normale Spielszene hinaushebt.
Was ich mitgenommen habe
Am Ende war es nicht der spektakuläre Sprungwurf, der den Abend für mich gerettet hat, sondern ein Perspektivwechsel von vielleicht einem Meter nach unten. Dieses Bild erinnert mich jedes Mal daran, warum ich fotografiere: nicht um das Offensichtliche festzuhalten, sondern um den Moment zu finden, an dem alle anderen vorbeischauen.
Manchmal muss man eben einfach in die Knie gehen.











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