Ein Drama auf dem Wasser
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An einem lauen Aprilnachmittag in Bayern fanden wir uns an einem Stausee wieder, auf welchem sich das pure Leben abspielte. Möwen, Blässhühner, Schwäne, sämtliche Gänsearten, kleines und großes Federvieh – es schnatterte und platschte wohin das Auge (und Ohr) reichte.
Während sich mein Partner in der Nähe des Schilfs herumdrückte und mit seinem Fernglas die Umgebung inspizierte, saß ich, zugegebenermaßen ziemlich gelangweilt, im Gras und gönnte mir die mitgebrachten Snacks. Meine eigene Kamera befand sich im Rucksack neben mir, doch Spaß macht Tierfotografie mit einer Brennweite von maximal 50mm eher weniger. Zumal sich sonst höchstens Berge oder mal eine Blume vor meine Linse schleichen. Neben der Isomatte lag die Sony Alpha 6400 mit dem Sigma 150-600 meines Partners. Ich spähte in Richtung Schilf, er war weit und breit nicht zu sehen. Ich witterte meine Chance, einen Ausflug in die Tierfotografie zu unternehmen und eine Ente oder anderes Federtier abzulichten. Die Kamera war schwer, ich zitterte so vor mich hin und ein Blick in den Sucher war mangels Muskelkraft auch nicht möglich. Also stützte ich die Objektivschelle auf mein Knie und versuchte, irgendetwas vor die Linse zu bekommen.
Links von mir sah ich plötzlich etwas Weißes. Das musste eine Möwe sein! Hektisch versuchte ich, das sehr tief fliegende Tier auf den Kamerabildschirm zu bekommen. Da war sie! Kurz verlangsamte sie ihren Flug, ich sah meine große Chance und drückte den Auslöser durch. Sie stieß in die Wasseroberfläche, es gab einen kurzen Tumult und lautes Schnattern und ich sah, dass sie etwas in ihren Schnabel geklemmt hatte. Die Möwe nahm an Geschwindigkeit auf und verschwand aus dem Sichtfeld der Kamera. Ich freute mich – das musste ein Fisch gewesen sein. Hoffentlich hatte ich diese Szene erwischt! Ich öffnete die Bildvorschau und sah mir die Fotos an, die ich geschossen hatte. Ich zoomte heran, tatsächlich befand sich die Möwe im Bildausschnitt.
Doch sah der Fisch im Schnabel der Möwe nicht irgendwie eigenartig aus? Ich schirmte meine Augen ab, da sich die letzten Sonnenstahlen des Tages im Wasser spiegelten und mich blendeten. Mit zusammengekniffenen Augen sah ich genauer hin – der Fisch hatte ja Füße! Und… Fell? Schnell entpuppte sich der vermeintliche Fisch als Küken, welches die Möwe im Nacken gepackt hatte. Ich zoomte heraus und betrachtete das Gesamtbild. Ich ließ es kurz wirken, bis mir klar wurde, was ich da festgehalten hatte:
Ein Familiendrama. Eine Graugansfamilie, die ihres Kükens beraubt wird. Ein Gänsevater, der dem gnadenlosen Räuber wütend hinterherschnattert, eine Gänsemutter, die die Stellung hält und die anderen Küken eng um sich versammelt. Spritzendes Wasser, welches diese hektische Situation untermalt, eine siegessichere Möwe und ein hilflos im Schnabel baumelndes Küken, das junge Leben bald schon beendet. Eine Szene aus der Natur, die Nahrungsbedarf und Verlust gleichermaßen zeigt.
Schitte hinter mir kündigten mir die Rückkehr meines Partners an. Wortlos hielt ich ihm die Kamera hin. Er betrachtete das Bild und hob anerkennend die Augenbrauen. Weder er noch ich hatten damit gerechnet, dass ich als eher mittelmäßige Hobbyfotografin mit geliehenem Equipment und beim ersten, spontanen Versuch in der Tierfotografie eine derart dramatische Geschichte mit einem einzigen Bild erzählen würde.
Bis heute (Dezember 2025) bestehen meine nachfolgenden Versuche in der Tierfotografie hauptsächlich aus ein paar unscharfen Schwänen oder aus dem Bild fliegenden Enten – leider entpuppte sich das Foto aus dem Frühling also nicht als Beginn einer atemberaubenden Fotokarriere.
Mein Fazit daraus: Nicht jedes Foto muss geplant sein, spontan können auch kleine Wunder entstehen.
Eine kleine Anmerkung am Schluss – ich bin womöglich der größte Fan von Gedankenstrichen, den die Welt je gesehen hat. Diese Zeichen werden oft mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht. Bei diesem Text hier hat mir aber ausschließlich natürliche Intelligenz geholfen. 😛
Ich hoffe, der ein oder andere hatte Freude beim Lesen und beim Betrachten meines Zufallfotos.
Liebe Grüße!
Ramona












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