die einfarbige Sonne von Vendig
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Sommerurlaub
Der diesjährige Familienausflug führte uns mit dem Wohnwagen auf einen Campingplatz nahe Venedig.
Als Entschädigung für die 20 Stunden als Autofahrer mit dem Gespann vom Niederrhein bis nach Italien durfte Papa einen Morgen allein losziehen und fotografieren – „ohne die Familie“ aufzuhalten.
Nach kurzer Akklimatisierung ging es in aller Frühe zu Fuß mit dem Fotorucksack los zum Fährhafen. Und noch bevor die Morgensonne die Luft aufheizte, stellte ich meine Kleiderwahl bereits infrage: Das Leinenhemd klebte unter dem Rucksack, und die „Monstermoskitos“ hatten sich schon 100 Meter hinter dem Campingplatz durch meine Merinowollmütze gearbeitet, sodass ich spürte, wie sich zwei juckende Hörner auf meiner Glatze bildeten.
Nach einer halben Stunde Fußmarsch – vor Mückenschwärmen flüchtend – kam ich am Fährhafen an und teilte mir mit einigen Pendlern eine der ersten Fähren am Morgen.
Papa darf einen Morgen allein losziehen
Die Vorfreude stieg rasant, als sich die Morgendämmerung langsam, aber stetig in eine perfekte goldene Stunde verwandelte.
Die Silhouette der Stadt auf dem Wasser wurde sichtbar, und ich war fasziniert. Mein Gehirn versuchte zu begreifen, wie diese Stadt nach so vielen Jahrhunderten immer noch hier sein konnte und dem Meer getrotzt hatte.
Haltestelle Markusplatz
Als ich die Fähre auf San Marco verließ, war die Stadt fast menschenleer. Straßenfeger, einige wenige Einheimische und ein Modelshooting vor den noch leeren Gondeln – so präsentierte sich mir Venedig am frühen Morgen.
So viele spannende Gebäude, Kanäle, Wasser und vor allem Brücken! Mein Fotografenherz schlug höher, und mein Jagdinstinkt war geweckt.
Ich, mit meiner Fujifilm X-T3, die mich schon so weit begleitet hat, und meinem Lieblingsobjektiv, dem „alten“ 35 mm f/1.4 – ja, dem mit dem furchtbaren Autofokus, aber ich liebe es.
Ein paar Schnappschüsse von Hauswänden, der Stadtkulisse, ein Fotografen-Selfie vor einem spiegelnden Schaufenster – und plötzlich taucht die Sonne vor mir auf. Sie hüllt den Morgen in goldenes Licht.
Der Moment
Ich stehe auf einer Brücke, schaue auf den fast menschenleeren Platz, als eine Joggerin auf die Sonne zuläuft und einen perfekten Schatten wirft. Wie von selbst bleibt die Zeit für einen Moment stehen.
Der Sucher wandert vor mein Auge, die Sonne „flared“ durch mein Objektiv auf den X-Trans-Sensor und verschiebt durch den krassen Kontrast meine Filmsimulation fast ins Monochrome. Im letzten Moment schließe ich die Blende noch ein wenig, um mehr Schärfentiefe zu gewinnen. Jetzt ist der Schatten perfekt, und die Dame spiegelt eine verzerrte Silhouette auf die Pflastersteine.
Das Auslösen
Das befriedigende Zusammenspiel aus dem Geräusch des Shutters und dem kurzen Impuls in meiner Hand zaubert mir sofort ein Lächeln auf die Lippen.
Ich fühle mich wie ein Abenteurer auf der Jagd.
Vergessen sind die Strapazen der langen Fahrt, die Mückenstiche, die Müdigkeit, das Leinenhemd, das unter meinem Fotorucksack klebt.
Deswegen liebe ich dieses Hobby!
Es muss zwar nicht Venedig sein, aber dieses Bild wird mir für immer als besondere, fast monochrome Erinnerung im Gedächtnis bleiben.
Bei dem Wort Venedig denke ich nicht an den (gar nicht so schönen) Markusplatz oder an Gondeln,
sondern an den Schatten eines Menschen im einfarbigen Sonnenlicht – und das Gefühl von Abenteuer.
















Diskussionsbeiträge (2)
Vielen vielen Dank für das wirklich tolle Feedback, die Analyse und Interpretation. Das ist wirklich toll zu sehen, wie die eigene Arbeit jemand so sieht und so viel Freude bereitet!
Nochmal Danke!