Die Angst vor dem Ohrläppchen-Zwicker: Der Aufrag eine Geschichte zu erzählen.
In dieser Story

Es ist mal wieder spätabendlich bis tief in die Nacht. Während andere schlafen, streife ich mit meiner Kamera im Anschlag durch unseren Garten. Es ist diese absolute Ruhe, in der die Natur ihr verborgenes Gesicht zeigt. Wer schon mal nachts mit einem Makro-Objektiv unterwegs war, weiß: Man betritt eine andere Welt.
Das Problem bei diesem Hobby? Im direkten Bekanntenkreis steht niemand mit einer Lupe oder einer Makro-Ausrüstung im Gras, um die Begeisterung für die aller kleinsten Krabbler zu teilen. Ich bin meistens allein mit meiner Beute und meinen Gedanken. Also nehme ich euch einfach gedanklich mit nach draußen.
Für den anstehenden Macro Monday von OM Systen auf Instagram hatte ich mir fest in den Kopf gesetzt, nicht einfach „nur“ ein schönes Foto abzuliefern. Ich wollte mir zur Aufgabe machen, ein Motiv zu wählen, das eine echte, greifbare Geschichte aus der Kindheit erzählt.
Ja, aber welche?
Ich zog also los, leuchtete mit der Taschenlampe die Brennnesseln und das Laub ab und überlegte:
Eine Spinne? Nee, lass mal, das findet von tausend Leuten vielleicht einer cool.
Eine Libelle? Viel zu niedlich, da fehlt das Ecken-und-Kanten-Etwas.
Ein normaler Käfer oder eine Wanze? Da hat im Grunde niemand Respekt vor, das ist Standard.
Bis ich ihn fand. Den kleinen Kerl, den wir bei uns früher alle nur den „Ohrenzwicker“ nannten. Und ja, denn kennt doch wirklich jeder oder?
Und in dem Moment schoss es mir sofort durch den Kopf: Oma.
Wer kennt sie nicht, die legendären Schauermärchen aus der Kindheit? Oma hat damals Stein und Bein geschworen: „Pass bloß auf, dass die Dinger nachts nicht ins Bett kommen, die krabbeln dir ins Ohr und zwicken dir ins Läppchen!“
Kompletter Blödsinn, natürlich. Kindheitsangst pur, geschürt von Omas gut gemeinten Warnungen.
Aber weißt du, wann diese alten Geschichten auf einmal ihren Schrecken verlieren und in pure Faszination umschlagen? Genau in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem du dieses Tier durch die Linse deines Makro-Objektivs betrachtest, während du den Macro Monday im Hinterkopf hast.
Plötzlich wird alles glasklar. Du siehst diese chitinartige, fast schon futuristische Panzerung. Du siehst diese Zangen am Hinterleib und die feinen Details im Gesicht. Es ist kein gruseliges Monster mehr, sondern ein absolutes Wunder der Natur. Eine hocheffiziente kleine Lebensform, über die man sich früher am Kaffeetisch gruseln durfte, die heute aber durch den Sucher betrachtet einfach nur noch Respekt und Ehrfurcht abverlangt.
Schauermärchen hin oder her – genau das ist der Grund, warum ich nachts im Garten stehe. Um diese verborgene Welt sichtbar zu machen und die Geschichten dahinter zu erzählen.















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