Der Eisberg im Chiemgau
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Ich habe Jahre auf einen Winter gewartet, der es verdient Winter genannt zu werden. Denn nur, wenn längere Zeit, frostige Temperaturen weit unterhalb von 0° Celsius vorherrschen, werden aus Wasserfällen steinerne Kunstwerke.
Ein Wasserfall, bei dem ich unbedingt mal Eiszapfen sehen wollte ist der Schoßrinn. Der Wasserfall liegt südlich des Chiemsees und des Örtchen Hohenaschau im Chiemgau entlang einer Grenzstraße zwischen Bayern und Österreich. Der Schoßrinn ist auch weit weniger bekannt, als die Josefstaler Wasserfälle oder der Tatzelwurm Wasserfall.
Es gibt zwei Wanderparkplätze, einer davon ist nicht mal ausgeschildert, dafür aber kostenlos. Von hier sind es zu Fuß zwischen 10 und 15 Minuten bis an den Rand des Bergwaldes, in dem der Schoßbach fließt. Nach einer kleinen Anhöhe kommt ein Weidegatter mit einem Hinweisschild, dass man sich auf Privatgrund befindet. Selbstverständlich habe ich das Gatter wieder geschlossen, auch wenn zu dieser Jahreszeit keine Tiere auf der Weide sind. Der Weg führt etwas raus aus dem Wald und über die Wiese, welche zu meinem Besuch herrlich mit Schnee bedeckt war. Anschließend steigt der Weg steil an und alsbald säumen Absperrungen aus Holz den Weg bis zu einem ersten Aussichtspunkt. Hier stehen zwei Bänke, welche im Sommer zum Rasten und Krafttanken an diesem besonderen Ort einladen.
Ab hier konnte ich ihn sehen, den gefrorenen Wasserfall. Auch durch die Äste und Zweige war deutlich zu sehen, dass sich die einstündige Autofahrt mehr als gelohnt hatte.
Der Schossrinn hat eine beeindruckende Höhe, zwischen 75 und 100 Meter (je nach literarischer Quelle) stürzt das Wasser im freien Fall in die Tiefe.
Allein das macht den Schoßrinn schon besonders, denn keiner der anderen Wasserfälle in der Nähe hat eine solche Fallhöhe.
Durch diese freie Fallhöhe bilden sich beachtlich lange Eiszapfen, die dann frei am Felsen hängen. Durch seine Nische an der Ostwand und einer hohen Südwand bekommt der Wasserfall im Winter fast keine Sonne ab, so kann das Eis ungestört wachsen. Aber nicht nur an den Felsen kann das Eis sich ausbreiten. Weit unterhalb der Eiszapfen, die wie Stalagtiten am Felsen hängen, wächst im Schatten der Berge ein gigantischer Eisberg. Ein einzigartiger Anblick, den ich so noch bei keinem Wasserfall in den Alpen gesehen habe.
Ich habe hierfür extra ein Handy-Foto mit in die Bilder gegeben, um die wirkliche Größe des Eisberges zu verdeutlichen. Ich bin 195cm groß, sodass der Eisberg bestimmt 7 bis 8 Meter, wenn nicht gar 10 Meter hoch ist.
Ich hatte mehrere Objektive im Rucksack und versuchte mich nun daran den Eisberg und den darüberliegenden Schoßrinn in einer würdigen Bildkomposition einzufangen. Die größte Herausforderung war, dass der Schoßrinn recht weit oben war, sodass es mir schnell an “Bildwinkel fehlte”, um beides einzufangen. Ich habe es dann mit dem 16-35mm F2.8 GM II versucht und ein Panorama aus 8 Einzelbildern versucht. In der Post Production (PP) war ich damit allerdings überhaupt nicht zufrieden, da hier deutlich zu viel Verzerrung in das Bild kam.
Mein nächster Versuch war mit meinem Kampfzwerg, dem Laowa 9mm F5.6 mit seinem unglaublichen Bildwinkel von 135° in der Horizontale. Auch hiermit versuchte ich zunächst ein Panorama, was jedoch auch in der PP mit, für meinen Geschmack, zu stark stürzenden Linien und Verzerrung einherging.
Schließlich kam mir die Idee mich auf die Eisfläche vor dem Eisberg zu legen und nun die Kamera nach oben, gen Schoßrinn, zu neigen. Durch diesen Blickwinkel wird der Blick des Betrachenden auf den Eisberg und den darüber hängenden Eisvorhang gelenkt. Der große Bildwinkel ermöglichte es mir die spiegelnde Eisfläche vor dem Eisberg noch in meine Bildkomposition zu integrieren. Die Eisfläche ist ein hervorragender Kontrast zu der Felswand hinterhalb des Eisberges. Der “aufschauende” Bildwinkel lässt Eisberg nochmals größer und monumentaler wirken.
Ich habe, Grödel sei Dank, mich noch auf den Weg gemacht und bin den Trampelpfad seitlich nach oben gegangen. Von dort habe ich es nochmal versucht mit dem 16-35mm F2.8 GM II ein Panorama zu machen, was durch die Höhe, die ich erklommen hatte, deutlich stabiler und ohne stürzende Linien möglich war. Von hier führte ein weiterer Trampelpfad hinter den Eisberg. So hatte ich die Chance aus dem Dunkeln hinaus auf den Eisberg zu fotografieren und einen, noch von der Sonne beschienenen Berg, auf der anderen Seite des Tals einzufangen. Der Ort ist wahrlich magisch. Besonders der Eisberg ist einzigartig. Ich kann mich nur wiederholen, ich habe noch nie, auch bei keinem anderen Wasserfall in den Alpen, so eine große Eisformation gesehen.
Ich kann jedem, der sich für gefrorene Wasserfälle begeistert, den Besuch empfehlen.
















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