Aurora und Orcas jenseits des Polarkreises: das A und O einer Winterreise
In dieser Story





Die Idee
Was klingt wie ein schlechter Roman-Anfang („Es war eine dunkle, stürmische Nacht…“), war ein Gedanke, den ich Anfang November 2025 hatte: ich wollte Orcas in Norwegen, weit nördlich des Polarkreises und damit in der polaren Nacht fotografieren. Die zu erwartenden Rahmenbedingungen für dieses Projekt waren recht klar: kalt, dunkel, wahrscheinlich stürmisch, auf jeden Fall aber eine eher raue See. Falls die Bootstouren stattfinden, sind die Chancen auf Orca-Sichtungen gut, aber auch dann nicht garantiert. Zusammenfassend bestand damit eine gewisse Wahrscheinlichkeit, bei entsprechend stürmischem Wetter auch mit 0 (in Worten: Null) Bildern zurückzukommen.
Wer macht so einen Quatsch? Nun, Naturfotografen machen das, v.a. wenn sie wie ich mit dem polaren Virus infiziert sind. Nachdem ich in den letzten Jahren auf den Lofoten und rund um Svalbard fotografieren konnte, „drohte“ jetzt ein Jahr ohne Überschreiten des Polarkreises. Kurz vor Jahresende beschloss ich, dies zu ändern. Auch hatte ich bisher noch nie Orcas gesehen, also los ging es mit den Vorbereitungen.
Vorbereitung Teil 1
Orcas ziehen im Winter in die Fjorde Norwegens, um die dort überwinternden Heringe zu jagen. Der genaue Ort kann sich ändern, vor einigen Jahren waren es noch die Fjorde direkt bei Tromsø, dies hat sich aber, sicher auch klimatisch bedingt, weiter in den Norden in den Kvænangen-Fjord verlagert.
Von Ende Oktober bis Anfang Februar dauert die Saison, ab Ende November bis Mitte Januar ist polare Nacht, wenn die Sonne gar nicht mehr über den Horizont kommt. Gerade diese Zeit soll photographisch wegen der besonderen Lichtstimmung interessant sein. Dunkel „wie die Nacht“ sei es nicht, sondern es herrsche ein gewisses Dämmerlicht, so konnte ich nachlesen. Was das genau bedeutet, werden wir noch sehen (im wahrsten Sinne des Wortes).
Die Orca-Touren starten z.B. von dem kleinen Ort Skjervøy aus, der vom Flughafen Tromsø aus entweder mit der Fähre oder mit dem Auto in etwa 3 bis 4 Stunden zu erreichen ist. Ich hatte mich für das Auto entschieden, auch weil in dem einzigen Hotel von Skjervøy keine Übernachtung mehr zu buchen war und ich eine Unterkunft eine halbe Stunde entfernt im Süden buchen musste.
Die Anbieter für die Touren sind schnell recherchiert, die meisten sind auch gut bewertet. Mir war wichtig, eine möglichst niedrige Perspektive für die Fotos zu bekommen, da ich vor allem den schneebedeckten Fjord im Hintergrund haben wollte. Damit schieden die „großen“ Anbieter mit Katamaran usw. aus. Ich hatte mit der Photographie vom Zodiac aus in Spitzbergen beste Erfahrungen gemacht, von Skjervøy aus werden v.a. die sog. RIB-Boote eingesetzt, in denen man ähnlich niedrig wie im Zodiac sitzen kann. Es steht allerdings deutlich weniger Bewegungsfreiheit zur Verfügung, was durchaus nachteilig war (siehe unten). Um das Risiko von Sturm zu minimieren, buchte ich zwei Touren nacheinander. Nachdem Flug, Unterkunft, Touren und Auto gebucht waren, begann die photographische Vorbereitung.
Vorbereitung Teil 2
Schnelle Motive in dunkler Umgebung vom schaukelnden Boot – auf was hatte ich mich da eingelassen? Die Auswahl der Objektive war einfach, das Nikkor Z 800 mm 1:6,3 VR S blieb zuhause, mit am Start sein sollten die Nikon Z 9, die Z 8 und die Linsen Z 100–400 mm 1:4,5–5,6 VR S, Z 135mm f/1.8 S Plena und Z 24–120 mm 1:4 S. Nur für den unwahrscheinlichen Fall von klarem Himmel und Polarlicht-Aktivität fand das Z 14-24mm f/2,8 S samt Stativ auch den Weg in den Rucksack. Um für alle Fälle gerüstet zu sein, nahm ich auch meinen seit ewigen Zeiten nicht mehr genutzten Blitz, den SB-700, mit, den ich nach längerer Suche dann tatsächlich gefunden habe. Fotografieren mit Blitz, die älteren unter uns werden sich erinnern! Ich musste erst einmal probieren und üben, um wieder reinzukommen.
Der Reise 1. Teil
Auf dem Hinflug ein besonderer Moment: gegen 16:00 Uhr ging etwa auf Höhe von Trondheim die Sonne unter und würde (für mich) die nächsten vier Tage nicht mehr aufgehen. Ungefähr eine halbe Stunde vor der Landung in Tromsø, noch über den Wolken, dann die erste Sensation: starkes Polarlicht auf der linken Seite! Das halbe Flugzeug spielte verrückt und interessanterweise gelangen auch mit Handy einigermaßen gute Bilder.
Diesen Start wollte ich mir gefallen lassen, erlitt aber direkt nach der Landung den ersten Dämpfer: aufgrund von Sturmwarnung war die für den nächsten Tag geplante Tour per Mail kurz und schmerzlos abgesagt worden. Natürlich hatte ich damit gerechnet, aber jetzt würde es spannend werden.
Gepäck und Mietwagen waren norwegisch einfach schnell da, auf ging es nach Skjervøy. Da man die Fjorde rauf- und runterfährt, sind die 80 km Luftlinie eine 300 km-Fahrt in einer prächtigen Landschaft, soweit man dies im Dunkeln beurteilen kann. Losgeflogen in Düsseldorf in trübem November-Regen, war es hier bei Temperaturen um 0° richtiger Winter mit Eis und Schnee. Nach 3 ½ Stunden war ich an der Unterkunft. Was würden die nächsten beiden Tage bringen?
Der erste Tag: keine Tour, aber trotzdem erfolgreich!
Vielleicht hat man ja Glück und so fuhr ich trotz Absage Richtung Skjervøy. Es war allerdings in der Tat schlechtes Wetter und so durfte ich meinen ersten Tag in der polaren Nacht an Land verbringen. Das war aber eine gute Gelegenheit, die Bedingungen vor Ort kennenzulernen, da es zwischen 9 und 10 Uhr allmählich dämmrig-hell geworden war. Zwar stürmte und schneite es teilweise kräftig, aber man konnte die Umgebung gut sehen, fotografisch würde es also besser gehen als erwartet, natürlich nur, falls die Tour morgen stattfindet.
Bei ISO-Werten zwischen 3.200 und 12.800 und Blende 5,6 waren Verschlusszeiten von 1/200, teilweise auch schneller, gut möglich. Das war sehr beruhigend, auf den Blitz würde ich damit wahrscheinlich verzichten können.
Teilweise rissen die Wolken auf und die Hoffnung auf Beifang, sprich Polarlichter, stieg. Zum Abend hin ging die Suche nach freiem Himmel los und ich fuhr die Küste lang. In einem ersten motivierenden Moment hatte ich schon direkt von der Unterkunft aus das erste Mal schwaches Polarlicht sehen können und die Aktivitätsvorhersage war lt. App vielversprechend.
Je länger ich fuhr, desto dichter wurden allerdings die Wolken und um so mehr schneite es. In Winter und Schneefall die norwegische Küste entlang zu fahren, hat zwar was und an ein paar Stellen war ich mir sicher, dass auch die Trolle unterwegs waren. Aber photographisch gibt es ergiebigeres.
Nach ein paar Stunden startete ich, unterstützt durch die Wetter-App meines Vertrauens, einen letzten Versuch und fuhr südlich, von der Küste weg durch die Berge in den Reisa-Nationalpark. Die Schneefälle wurden weniger, die Berge niedriger und die Wälder verschneiter. Es war aber immer noch bewölkt, keine Sterne am Himmel. Auf einmal kreuzt ein Elch meinen Weg, bleibt neben der Straße stehen und mustert mich aus dem Dunkeln heraus. Ein gutes Omen? Als die Straße an einer Waldlichtung endet, steige ich aus und sehe einen klaren, wundervollen Sternenhimmel über mir: die Wolken sind weg. Aber: kein Polarlicht.
Ich packe trotzdem Stativ und Kamera aus, mache ein paar Bilder und beschließe zu warten. Schließlich soll Polarlicht ja auch ganz plötzlich kommen. Übertriebene Hoffnung mache ich mir zwar nicht, aber wer weiß.
Keine fünf Minuten später drehe ich mich um, schaue nach oben und da ist es: ein starkes Band Polarlicht zieht sich über den Himmel und leuchtet grün auf mich herab. Großartig! Die Lichter bewegen sich, tanzen auf und ab und verändern immer wieder ihre Form. Es ist nicht so einfach, dies gescheit festzuhalten, deshalb versuche ich mehrere Varianten, u.a. mit 14 mm durch die Bäume direkt nach oben. Für eine genügende Bildschärfe fokussiere ich manuell mit 100%-Suchervergrößerung auf die Sterne und kann mit ISO-Werten um 3.200, f2,8 oder 4 und 1 bis 4 s gut arbeiten. Über eine Stunde geht das so im stillen Wald. Auf einmal knackt, nicht weit vom Weg, ein Ast. Richtig unheimlich, auch wenn einem der Verstand sagt, dass es nur ein Elch gewesen sein kann!
Der nächste Tag: klappt die Tour?
Die Wettervorhersage zeigte nur noch eine „frische Brise“ an, morgens war es fast windstill und nicht so bewölkt: würde es heute klappen? Auf dem Weg nach Skjervøy frischte es dann doch merklich auf, aber die Tour würde starten!
Nach Briefing und Ausstattung mit kälte-gerechter Kleidung (Overall, Stiefel, Handschuhe) ging es zum RIB-Boot, zusammen mit 9 weiteren Gästen, die offenkundig nicht primär photographisch unterwegs waren. Die Boote sind mit Sitzen ausgestattet, in denen man wie Hühner auf der Leiter aufgereiht ist. Zum Gucken o.k., zum Fotografieren nicht optimal, aber erfreulicherweise saß ich vorne, was die Sicht ein wenig verbesserte – hoffentlich.
Zusammen mit den anderen Booten ging es dann in den Fjord, außerhalb des Hafens wurde es kälter und die See rauer. Trotzdem war schnell klar, dass wir heute Wale sehen würden, da nach wenigen Minuten und nur ein paar hundert Metern vom Hafen entfernt die ersten Orcas in Sicht kamen. Zwar weit weg, aber immerhin! Das Licht ließ 1/200 bei f/5,0 und ISO 4.500 zu, nicht schlecht für den Anfang.
Problematischer war allerdings, wirklich scharfe Bilder zu bekommen. Zu kurz waren die Orcas zu sehen, zu schnell haben sie ihre Position verändert. Auch der Nikon-Autofokus kam mit der Situation nicht optimal zurecht, stellte oft auf Wellen oder gar nicht scharf usw. In solchen Situationen fotografiere ich mit 20 Bildern die Sekunde, um die Chancen auf zumindest ein paar scharfe Bilder zu erhöhen.
Aber wir waren ja erst am Anfang der Tour. Mit der Zeit kam ich mit den Bedingungen besser zurecht, wechselte auf Wide-AF und konnte allmählich bessere Bilder machen. Dies war zumindest zu hoffen, da in dem engen Boot, dem Schaukeln und dem Wellengang eine Bildkontrolle kaum möglich war. Das Boot mit seinen beiden Außenbordern war schnell unterwegs und setzte bei dem Wellengang immer wieder hart auf. Den Blitz einzusetzen oder gar Objektive zu wechseln, war damit unmöglich, da jederzeit die Wellen auch ins Boot reinschlagen konnten. Es lebe der wasserdichte Fotorucksack und das zweite Gehäuse!
Neben den Orcas waren auch viele Buckelwale und sogar ein Finnwal, der zweitgrößte Wal der Erde nach dem Blauwal, unterwegs. Gerade die Buckelwale boten ein beeindruckendes Bild, als sie in einer großen Gruppe an uns vorbeizogen. Der Wellengang wurde immer stärker und einmal konnten wir aus einem Wellen“tal“ heraus ein paar Meter über uns einen Buckelwal am Horizont sehen, irre!
Ich muss ehrlich gestehen, dass es nach drei Stunden völlig in Ordnung war, als wir uns Richtung Hafen auf die Rückkehr machten. Es war kalt, der Rucksack war außen komplett nass, die Kameras hatten auch ein bisschen was abbekommen und ob die Bilder was geworden waren? Wer weiß?
„Post production“: was vom Tage übrig blieb.
Es lebe die digitale Fotografie: mit der Z 9 und der Z 8 habe ich in den knapp drei Stunden knapp 4.000 Bilder gemacht, von denen ich etwas weniger als 800 behalten und ca. 50 intensiver bearbeitet habe. Wie immer bei solchen Aktionen sichte ich die Bilder mit FastRawViewer vor, sortiere die unscharfen (und das war eine Menge!) aus und übergebe den Rest an Lightroom. Von den 35er-Auswahl, die letztlich übrig blieb, waren 27 mit ISO-Werten über 4.000 gemacht und davon 10 mit ISO 10.000 oder mehr (mein Auto-ISO ist bei 12.800 abgeriegelt). Es wäre sicherlich besser gewesen, zwei Touren zu machen, um aus den Fehlern der ersten zu lernen und es dann beim zweiten Mal besser zu machen. Aber so hatte ich eine Orca-Tour gegen Aurora eingetauscht, ein guter Deal, wie ich finde. DAS ist Naturfotografie!



















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