24/7/365
In dieser Story




Erkenntnis was Kälte auch sein kann
Wer kennt nicht das seltsame Gefühl, wenn man durch eine Stadt geht und einem ein wohnungsloser oder gar obdachloser Mensch begegnet? „Nehme ich einen anderen Weg oder täusche ich vor, die Auslagen im Schaufenster zu betrachten?“ „Och nee, nicht schon wieder so ein Schnorrer.“ „Wetten, der Typ mit dem Hund drückt damit auf die Tränendrüse? Das ist bestimmt seine Masche.“
Erwischt? Viele haben diese oder ähnliche Gedanken, ich auch. Wenn es dir auch so geht, normal, das ist oft Angst und Unbeholfenheit in dieser Situation. Menschliches Verhalten vor dem Unbekannten, der „Scrooge“ in uns. Aber wenn es dich absolut nicht berührt, dann lies bitte nicht weiter! Auch nicht, wenn es dir gerade dreckig geht!!! Z. B. haben viele noch vor dem Fest eine Kündigung bekommen. Kaltherziger geht es wohl kaum.
Keine Sorge, diese Geschichte ist kein weiterer Spendenaufruf, nur weil Weihnachten vor der Tür steht. Sie ist keine Moralpredigt! Auch ich habe mir was zum Fest für die Fototasche gegönnt. Es sind nur die Gedanken und drei kleine Wünsche eines Normalos, der kein Abitur hat und keine Uni von innen kennt, der eine Kirche schon lange nicht mehr betreten hat. Spontane Gedanken zum Thema Kälte, die sich nicht nur in °C definieren.
Hintergrund
So könnte ich in einer viel zu langen Story vom 24-h-Selbstversuch (NICHT NACHMACHEN, nicht nur wegen der Temperaturen!), den Recherchen und von der Angst in dieser Nacht berichten. Vom Scheitern und neuen Anläufen, bis es klappte. Von den nicht immer angenehmen Begegnungen der letzten Wochen. Von Ablehnung, Spott und Hohn, vom Verjagtwerden. Durch diese Geschichte in der Ich-Form – aus der Perspektive von unten – würde zu schnell ein egomanischer Eindruck entstehen. Ich bin nur Statist, unwichtig, unbedeutend. Aber eine Sache nervt:
Kunst?
In der Streetfotografie finden sich immer wieder Fotos von Menschen in prekären Lebensumständen. Dieses wird leider viel zu oft als große „Kunst“ gefeiert. Ungefragt drischt man das Foto in den Kasten. Für was? Für die Kunst? Ein fotografierender Mensch, ob Profi, Hobbyist oder Reporter, sollte sich der Verantwortung bewusst sein, wenn er den Auslöser drückt. Warum also dann dieses Foto? Weil es aus der Ich-Perspektive nicht funktioniert. Es ist kein Kunstwerk, nicht mal gut gemacht. ISO, Rauschen, Tiefenschärfe Nebensache. Aber es soll Geschichten erzählen, nicht meine! Geschichten, wie sie 24/7/365 Tage passieren. Und es steht wieder ein Winter vor der Tür. Das Gesehene der letzten Wochen ist zu krass und wird auf keinem meiner Bilder je zu sehen sein. Weil ich diese Fotos von Anderen nicht mache! Da nehme ich die Rolle des Statisten gerne an. Die Blamage, der Spott, die Kritik, all dies ist mir die Sache wert.
Drei kleine Wünsche
– Dass Fotos mit mehr Verantwortung und Bedacht entstehen. Wie würde es für Dich sein, dort zu sitzen?
– Dass jeder sich informiert und die Nummer des Kältenotrufs für seine Stadt/Region auf seinem Smartphone parat hat. Wir speichern so viel Zeug auf unseren Handys. Eine Rufnummer frisst nicht viel Platz im Speicher. Nur ein paar Minuten der Suche, mit KI bestimmt nur Sekunden. Y-T & Co. laufen nicht weg.
– Dass jeder, ob Fotograf oder nicht, die Augen in der grauen Stunde aufmacht und mit geschärftem Blick die Schatten wahrnimmt, 24/7/365.
Drei Wünsche zum Nulltarif, keine große Sache.
Das Märchen vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von H. C. Andersen hatte kein Happy End. Wenn jeder den „Scrooge“ in sich nur ein bisschen leiser werden ließe – nein, nicht in Euro oder Cent, sondern Augen auf.
Hoffnung
„M.“, ich nenn Sie mal so, hat jetzt einen winterfesten Schlafsack. Meine Hoffnung: Sie geht mit mir zur nächsten professionellen Beratungsstelle, sind nur 5 Minuten zu Fuß vom Schlafplatz. Zwingen kann und darf ich sie nicht. Den Wetterbericht im Radio höre ich mittlerweile anders. Bei gefährlichen Wetterlagen ein Hinweis? Ein Traum, wird wohl nix.
Dank und neue Pläne
Danke fürs Aushalten meiner Gedanken, lieber Leser.
Und ein ganz besonders lautes DANKE an alle guten Geister, die oft ehrenamtlich unterwegs sind. Danke an die indischen Schwestern, die mir in der grauen Stunde einen heißen Kaffee spendierten. „O.“, wohnungslos, Informatiker ohne Job, hat mir die Geschichte von „C.“ erzählt. Nach ihrem Dienst in der Onkologie ist sie oft unterwegs und hilft, wo es geht. Was sie macht, ist mein Weihnachtswunder 2025, nicht weit weg, vor meiner Tür. Nicht weit weg von meiner warmen, sicheren Wohnung.
Das nächste Glas wird kein Filter, kein teures Objektiv. „O.“, wenn ich ihn finde, braucht eine Brille … Ich habe alles, was ich brauche. Im Januar bin ich wieder flüssig. Neuen Fotokram kann ich später kaufen. Ach ja, der Typ mit dem Hund? Nein, ist keine Masche … ockerfarbende Buntstifte, für seine Malerei, eine Kaustange für den treuen Begleiter, wie bescheiden Wünsche sein können. Hab ihn noch nicht wieder gesehen. Aber ich halt die Augen auf, ich mach weiter ohne Kamera. Die Geschichte ist nicht vorbei, wenn der letzte Böller gezündet, die letzte Rakete erloschen ist. Schönes will ich natürlich auch wieder fotografieren, das steht fest.
Wer macht mit und speichert eine Rufnummer? Wer macht mit und hält die Augen auf, in der kalten Jahreszeit? Es kostet nichts …
Euch allen eine gute, eine frohe, aber auch besinnliche Zeit zum Ende des Jahres.
Ein herzliches „Glück auf“ und immer gut Licht für Euch in 2026.

















Diskussionsbeiträge (5)
Poah Leute, sitz hier und ringe mit meiner Fassung. Bei den vielen lieben Worten von Euch. Hab das jetzt nur durch Zufall gelesen. Dachte es kommt eine Benachrichtigung, wenn Jemand was zum Thema schreibt.
Ich hatte nicht mit diesem tollen Feedback gerechnet.
Die letzten Nächte waren knüppelhart. Jedes Jahr graut es mir vor der Kälte des Winters. Montag muss ich wieder arbeiten, viel Zeit bleibt dann nicht, in der ich was machen kann. So hat es mich umso mehr gefreut, dass ich auf der Straße Helfer gesehen hab, die in ähnlicher Weise unterwegs sind. Ganz großes Lob und Dank an alle unbekannten, guten, stillen Helfern, egal wo ihr grad seid.
Danke an Euch, die sich mit der Geschichte befasst haben. Ist nicht grade romantisch, aber ist ein Teil des realen Lebens.
Frank
Danke, und ich mach weiter. Da kommt der Sturrkopf in mir raus