Kompaktkameras sind zurück – aber warum?

Lange schien das Schicksal der Kompaktkamera besiegelt. Smartphones wurden immer besser, die Bildqualität immer beeindruckender und die Kamera war ohnehin bereits in der Hosentasche. Warum also noch eine zusätzliche Kamera mitnehmen?

Trotzdem erleben kompakte Kameras gerade eine bemerkenswerte Renaissance.

Modelle wie die Fujifilm X100VI, die Ricoh GR IV oder die Leica Q3 sind stark gefragt. Und längst geht es dabei nicht mehr nur um klassische kleine Point-and-Shoot-Kameras. Heute reicht das Spektrum von winzigen APS-C-Kameras bis hin zu Premium-Modellen mit Vollformat- oder sogar Mittelformatsensor.

Was steckt hinter diesem Trend?

Von der kleinen Kamera bis zum Mittelformat

Ein Blick auf die aktuellen Modelle zeigt, wie unterschiedlich eine moderne Kompaktkamera heute aussehen kann.

Die Fujifilm X100VI kombiniert einen 40-Megapixel-APS-C-Sensor mit einem fest verbauten 23-mm-F2-Objektiv, entsprechend etwa 35 mm im Kleinbildformat. Sie bewegt sich irgendwo zwischen Streetkamera, Reisekamera und Alltagskamera.

Die Ricoh GR IV geht noch einen Schritt weiter in Richtung Reduktion. Sie ist extrem kompakt, besitzt einen 25,7-Megapixel-APS-C-Sensor und ein 18,3-mm-F2.8-Objektiv, das einem 28-mm-Objektiv im Kleinbildformat entspricht. Dazu kommt eine sensorbasierte 5-Achsen-Bildstabilisierung.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Kameras wie die Leica Q3 oder die Fujifilm GFX100RF.

Die Q3 verbindet einen Vollformatsensor mit einem fest verbauten lichtstarken Objektiv. Die GFX100RF geht noch weiter: 102 Megapixel Mittelformat treffen auf ein vergleichsweise kompaktes Gehäuse und ein fest verbautes 35-mm-F4-Objektiv, das 28 mm im Kleinbild entspricht.

Eine klassische Kompaktkamera im ursprünglichen Sinne ist die GFX100RF damit eigentlich nicht mehr.

Und genau darin liegt ein interessanter Punkt: Bei der aktuellen Renaissance geht es offenbar gar nicht mehr darum, einfach die kleinste und günstigste Kamera zu bauen.

Es geht darum, eine Kamera zu bauen, die man gerne mitnimmt.

Eine Kompaktkamera als Bestseller

Wie groß die Nachfrage nach Kameras mit fest verbautem Objektiv inzwischen ist, zeigt ausgerechnet Leica.

Laut Andrea Pacella, Leicas VP für Global Marketing und Communications, verkauft sich die Q-Serie im Durchschnitt etwa doppelt so häufig oder sogar häufiger als das gesamte M-System. Die Aussage stammt aus einer Präsentation Leicas im Zusammenhang mit der SL3-P.

Das ist bemerkenswert. Denn die Leica Q ist keine günstige Alternative zu einer Systemkamera. Sie positioniert sich klar im Premiumsegment. Trotzdem funktioniert das Konzept.

Ein Teil der Faszination dürfte in der Kombination aus hochwertiger Bildqualität, festem Objektiv und bewusster Beschränkung liegen. Die Q bietet nicht für jede Situation das vermeintlich perfekte Werkzeug. Genau diese Einschränkung ist aber Teil ihres Konzepts.

Ähnlich funktioniert das Prinzip bei der Ricoh GR oder den Fujifilm-X100-Modellen. Das Objektiv lässt sich nicht wechseln. Und genau deshalb muss man sich mit der einen Brennweite auseinandersetzen.

Je weniger Möglichkeiten, desto kreativer?

Eine feste Brennweite verändert die Art, wie man fotografiert. Wer nicht einfach heranzoomen kann, muss sich bewegen. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, ein anderer Standpunkt oder eine andere Perspektive können plötzlich wichtiger werden als die Frage, welches Objektiv man gerade auf der Kamera hat.

Das kann eine Einschränkung sein. Es kann aber genauso gut ein Vorteil sein. Denn die Kamera nimmt einem einige Entscheidungen ab. Man muss nicht mehr darüber nachdenken, ob jetzt 24, 35, 50 oder 85 mm die bessere Wahl wären. Man arbeitet mit dem, was da ist. Die Beschränkung wird damit selbst Teil des fotografischen Prozesses.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Festbrennweitenkameras aktuell so gut funktionieren: Sie reduzieren die Zahl der Möglichkeiten, ohne die fotografischen Möglichkeiten zwangsläufig zu reduzieren.

Weniger Objektive, weniger GAS?

(Gear Acquisition Syndrome – der Drang nach immer mehr Ausrüstung)

Das gleiche Prinzip lässt sich auf die Ausrüstung übertragen. Wer eine Systemkamera besitzt, kennt das Spiel: Das 24-70 mm ist eigentlich ein hervorragender Allrounder. Aber vielleicht wäre ein 35er mit F1.4 schöner. Ein 85er wäre ideal für Porträts. Für Landschaften und Architektur könnte ein 20-mm-Objektiv praktisch sein.

Und plötzlich besitzt man eine ganze Reihe von Objektiven für Situationen, die vielleicht irgendwann einmal eintreten könnten.

Eine Kamera mit fest verbautem Objektiv beendet diese Diskussion. Man bekommt eine Brennweite und arbeitet mit ihr. Natürlich bedeutet das Verzicht. Aber genau dieser Verzicht kann befreiend sein. Man nimmt die Kamera nicht mit, weil man auf jede denkbare Situation vorbereitet sein möchte.

Man nimmt sie mit, weil man fotografieren möchte.

Von der X100VI bis zur GFX100RF

Die aktuellen Modelle zeigen, dass es dabei längst nicht nur einen einzigen Ansatz gibt.

Die Fujifilm X100VI hat den modernen Retro-Kompaktkamera-Look wahrscheinlich stärker geprägt als kaum ein anderes aktuelles Modell. Die Ricoh GR IV verfolgt dagegen einen wesentlich reduzierteren Ansatz und konzentriert sich konsequent auf geringe Größe, Unauffälligkeit und eine 28-mm-Festbrennweite.

Die GFX100RF wiederum verbindet das Konzept der fest verbauten Brennweite mit einem 102-Megapixel-Mittelformatsensor. Trotz der nominellen 35-mm-Brennweite kann die Kamera durch ihren digitalen Telekonverter auch Bildwinkel entsprechend 36, 50 und 63 mm Kleinbild anzeigen.

Auch Sony verfolgt mit der RX1R III das Konzept einer kompakten Vollformatkamera mit fest verbauter Festbrennweite.

Und dann gibt es Modelle wie die Fujifilm X-Half, bei denen der technische Aspekt nur ein Teil der Geschichte ist. Hier spielen Design, Bedienung und die emotionale Verbindung zur Kamera eine mindestens ebenso große Rolle.

Die Renaissance der Kompaktkamera ist deshalb nicht nur eine technische Entwicklung. Sie ist auch eine Frage des persönlichen Zugangs zur Fotografie.

Der Trend endet nicht bei Kompaktkameras

Interessant ist außerdem, dass die Entwicklung nicht bei Kameras mit fest verbautem Objektiv endet.

Auch kompakte Systemkameras werden immer wichtiger. Fujifilm hat mit der X-T50 und X-M5 kleine Modelle im X-System. Sony verfolgt mit der A7C-Serie einen ähnlichen Ansatz, während Panasonic mit der Lumix S9 eine kompakte Vollformatkamera anbietet. Das gemeinsame Prinzip ist immer ähnlich:

Die Kamera soll möglichst wenig im Weg sein.

Sie soll auf Reisen nicht zum zusätzlichen Gepäckstück werden. Im Alltag soll sie nicht das Gefühl vermitteln, dass man gerade seine komplette Fotoausrüstung durch die Gegend trägt. Sie soll einfach dabei sein.

Und genau darin könnte einer der wichtigsten Gründe für die aktuelle Veränderung liegen.

Warum überhaupt noch eine Kamera?

Wir leben in einer Zeit, in der fast jeder Mensch ständig eine hervorragende Kamera bei sich trägt.

Das Smartphone ist sofort verfügbar, klein und für viele Situationen mehr als ausreichend. Trotzdem kaufen Menschen wieder bewusst Kameras. Vielleicht, weil eine Kamera etwas anderes ist als ein Smartphone.

Sie ist ein Werkzeug, das ausschließlich für das Fotografieren gebaut wurde. Ein Sucher oder Display, ein Auslöser, ein Objektiv und eine Bedienung, die sich auf eine Sache konzentriert. Keine Nachrichten. Keine Apps. Keine Benachrichtigungen. Nur das Bild.

Das bedeutet nicht, dass eine Kamera grundsätzlich bessere Fotos macht als ein Smartphone. Es bedeutet, dass sie eine andere Art des Fotografierens ermöglicht. Und möglicherweise ist genau das heute wieder ein wichtiger Teil ihrer Attraktivität.

Weniger ist mehr

Die Renaissance der Kompaktkamera lässt sich deshalb nur schwer mit einem einzigen Faktor erklären. Nostalgie spielt eine Rolle. Social Media spielt eine Rolle. Das Retro-Design spielt eine Rolle. Und natürlich sind die technischen Möglichkeiten moderner Kompaktkameras beeindruckend. Aber vielleicht steckt noch etwas anderes dahinter.

Wir haben heute Kameras, die beinahe alles können: hochauflösende Sensoren, extrem schnellen Autofokus, enorme Serienbildgeschwindigkeiten, RAW-Video, unzählige Objektive und Funktionen für praktisch jede denkbare Situation.

Und trotzdem entscheiden sich Fotografen bewusst für Kameras, die weniger können. Eine feste Brennweite. Ein kompaktes Gehäuse. Ein möglichst unkomplizierter Workflow. Weniger Auswahl. Gleich weniger Entscheidungen.

Nicht, weil sie technisch mehr kann als eine Systemkamera. Sondern weil sie uns daran erinnert, warum wir überhaupt fotografieren. Manchmal braucht man nicht mehr Möglichkeiten. Manchmal braucht man einfach eine Kamera, die man gerne dabei hat.

Denn am Ende bleibt ein alter Satz erstaunlich aktuell:

Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.

Eine Antwort zu „Kompaktkameras sind zurück – aber warum?“

  1. Avatar von Klaus Breitkreutz
    Klaus Breitkreutz

    Canon hat den Trend total verschlafen.
    Die G7x ist eine Kamera, die ich gerne in der Jackentasche habe.
    Das Zoom macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Eine Kamera in der Größe mit der Verarbeitung 24mm und Vollformat, wäre genial. Dazu die 9 Blendenlamellen der G7x – genial !!!

    Habe mein Q3 28 seit gut drei Jahren und sie beschränkt mich nicht, ganz im Gegenteil.
    Wenn ich zu nah dran bin, dann ein Panorama hochkant machen.
    Zu weit weg ist auch kein Problem, da sind genug Pixel vorhanden.
    Habe damals einen Test für eine Stunde im Leica-Store-Wetzlar machen können.
    War total unkompliziert und das Team dort ist mega nett.
    Die Q3 hatte damals noch eine Warteliste. Ich wurde gefragt, ob ich dort drauf wollte.
    Ich wollte.
    Ein paar Monate später bekamm ich Freitags früh einen Anruf, dass ich – wenn ich den mag – meine Q3 abholen könne.
    Alle Termine abgesagt und nach Wetzlar gefahren.
    Und ja, die Produkte dort sind hochpreisig. Im Gegensatz zu anderen Händlern im Hochpreissegment – denke da an Autos, Handtaschen, Uhren usw – ist hier jeder Kunde KÖNIG.
    Vor mir hat ein Kunde Kameras und Objektive im Bereich eines kleinen Häuschens einpacken lassen.
    Ich war mit meiner Q3 zufrieden.
    Wir beide haben die gleiche Zuwendung, Freundlichkeit und Beachtung gefunden.

    Übriges bin ich KNIPSER seit ich bei nzz Format 2012
    “Eine Diva im Fokus: Die Leica”
    gesehen habe und Andreas Kaufmann den für mich legendären Satz bei 0:59 gesagt hat.
    Ich knipse auch mit meiner Q3.

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Foto
ZIELFOTO Crew
18.09.2026

Du bist interessiert an neuen Equipment?
Jetzt Angebot mit Bestpreis-Garantie sichern.